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Buß- und Bettag (16.11.22)

Buß- und Bettag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. Evangelium
Offb 3,1-6 Offb 4, 1-11 Lk 19, 11-28

Nicht nur jüngere Menschen können mit dem alten Begriff der „Buße" nicht mehr viel anfangen. „Buße tun", das klingt nach ultimativer Spaßbremse. Doch meint der biblische Begriff metánoia etwas ebenso Einfaches wie Grundlegendes: „sich besinnen", „seinen Sinn ändern"; die hebr. Wurzel שׁוּבֿ, die im NT noch mitschwingt, bedeutet „umkehren". Es geht ums selbstkritische Prüfen des eigenen Denkens und Tuns – und um innere Umkehr und Neuausrichtung dort, wo es sich eben nicht daran orientiert, zu Frieden und Gerechtigkeit nach Gottes Maßstab beizutragen.

Mit dem Buß- und Bettag endet zugleich die Ökumenische FriedensDekade. Seit über 30 Jahren wird sie in Ost und West ab dem drittletzten Sonntag (ev) bzw. 32. Sonntag im Kirchenjahr (rk) begangen. Zum Auftakt und/oder Ende am Buß- und Bettag, stehen ökumenische Gottesdienste, dazwischen allabendliche Andachten – dieses Jahr unter dem Motto „ZUSAMMEN:HALT". Der Doppelpunkt mitten im Wort fordert dazu auf, den die gemeinsame Verantwortung für die Welt zu fördern und deutlich „halt" zu rufen, wo Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung unter die Räder geraten. Es passt daher gut zum Schwerpunktthema 2022 von nachhaltig predigen: „frei – fair – handeln".

Ev. Predigttext: Offb. 3,1-6

Harte Worte des Sehers Johannes, der schon vor knapp 2000 Jahren die Gemeinde in Sardes bedroht sah. Nach Patmos verbannt, weil er sich dem Kaiserkult verweigert, fällt er ein vernichtendes Urteil über Sardes: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot. (V.1)

Wie lebendig ist unsere Kirche, unser christliches Leben und Handeln? Für Viele sind Kirchen vor allem ein kulturelles Zeugnis aus ferner Vergangenheit – wie eine Ruine, die man im Urlaub oder an einem Feiertag besichtigt. Man sieht oder ahnt den Glanz vergangener Tage, läuft ehrfürchtig umher, taucht ein in eine andere Welt. Doch im Alltag sind sie leer, höchstens von ein paar wenigen Denkmalschützern bewacht; wohnen will darin niemand. Dazu kommen die Nachrichten: stark schrumpfende Mitgliederzahlen, schwindende finanzielle Mittel; schließende Gemeindehäuser, Kindergärten und Kirchen; aus ganzen Stadtteilen und Arbeitsfeldern ziehen sich die Kirchen zurück.

Ist „die Kirche" also tot? Die Erwartungen an Kirche sind jedenfalls groß: Sie soll sich einsetzen für die Armen und Unterdrückten, die Kranken und Schwachen, die Kinder und Alten. Sind doch alles christliche Aufträge: Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Sorge um die Zukunft des Planeten. Dabei besteht „die Kirche" auch nur aus Menschen, deren Kraft und Zeit begrenzt ist, und die angesichts der vielen, schier unüberblickbaren Krisenherde lieber die Augen vor der Realität verschließen und sich totstellen.

Allerdings gibt es sie noch, damals wie heute, die Menschen, die sich ihres Glaubens wegen für das Reich Gottes schon im Hier und jetzt engagieren: die „mit weißen Kleidern". Der Weckruf des Sehers fordert sie und uns auf aufzustehen gegen tödliches Handeln, uns mit den Aktiven zusammenzutun und selbst aktiv zu werden. Es gilt, neue Ideen, Konzepte und Projekte zu entwickeln, die dem Leben und der Zukunft auf der Welt dienen: für Klimaneutralität auf allen kirchlichen Ebenen bis zum Jahr 2035, wie die EKD-Synode im November 2021 vorgelegt hat; für den Erhalt der Artenvielfalt; für das friedliche Miteinander aller Menschen, der Alteingesessenen mit den Zugereisten und Geflüchteten. Die Möglichkeiten sind unerschöpflich; und Kirchengemeinden bieten Raum und haben Räume für viele Gruppen und Kreise – für alle, die mitmachen wollen, um lebensdienlich zu Frieden und Gerechtigkeit beizutragen. Ist die Post von Johannes angekommen, winkt uns die Verheißung aus V. 5f.

Kath. 1. Lesung: Offb 4,1-11

Ein Satz klingt in mir an: Gottes Tun ist nur von der Ewigkeit her zu verstehen, Gottes Werk nur vom Himmel her. Gottes Werk ist die Schöpfung; wir bekennen ihn an als Schöpfer „des Himmels und der Erde". Uns selbst verstehen wir als Teil dieser Schöpfung, in und von der wir leben, mit allem was wir sind und haben. Dabei ahnen wir, dass sie viel mehr umfasst, als wir je wissen und erkennen können. Wenn uns angesichts der eigenen Ohnmacht gegenüber der Vielzahl an globalen und persönlichen Krisen zu verzweifeln drohen, kann es guttun, sich an diese unverfügbaren Dimensionen unseres Daseins zu erinnern. Der Seher Johannes vermittelt einen Eindruck von diesem Unverfügbaren – diesem „Himmel", in dem Gott wohnt und herrscht über Himmel und Erde. Es ist überwältigend und völlig anders als alles, was man sich vorstellen kann. Johannes nutzt Vergleiche aus der Natur – zunächst Edelsteine, die in ihrer speziellen Brechung des Lichts funkeln und glänzen. Sarder sind rötliche, weiß geäderte Steine; der gebänderte Jaspis kommt in vielen Farbtönen vor; Smaragde leuchten tiefgrün: Gott ist farbig, ist lebendiges Licht, Glanz und Herrlichkeit. Die sieben Fackeln verkünden: Wo Gott ist, ist auch der Heilige Geist in der vollkommenen Fülle seiner Gaben.

Der Regenbogen, ein Phänomen der Lichtbrechung an Wassertropfen, erinnert an Gottes Bund mit Noah, Donner und Blitz an den Berg Sinai und Gottes Bund mit Israel. Gott ist dabei nicht allein im Himmel: 24 Älteste (12 Vertreter der Stämme Israels des alten Bundes, 12 Apostel des neuen Bundes) sitzen auf eigenen Thronen, weiß gekleidet und golden gekrönt – souverän und befreit von aller Schuld, dennoch im Bann des ewig Heiligen. Vier weitere Wesen symbolisieren Eigenschaften Jesu. Als Teil der himmlischen Heerscharen überschauen sie mit sechs Augenflügeln die himmlischen und irdischen Dinge und können sich unbeschränkt bewegen; sie sind mutiger als ein Löwe, stärker als ein Stier, klüger als ein Mensch, scharfsichtiger als ein Adler.

Sie alle loben den trinitarischen Gott mit dreifachem „Heilig, heilig, heilig, Herr, Gott, Allmächtiger, der war und der ist und der kommt!" – wie wir auf der Erde. Die Sorgen unserer Welt, die Frage nach der Umwelt, dem täglichen Brot, dem Miteinander der Menschen treten zurück vor der tiefen Einsicht: Gott ist heilig. Er ist der ganz andere, Glanz und Herrlichkeit, jenseits von allem, was wir uns vorstellen können. Doch dank Jesus Christus haben wir immerhin eine Ahnung davon: Das ist es, was der Blick in den Thronsaal Gottes uns bewusstmacht. Das hat zu allen Zeiten Menschen ermutigt, ihren Glauben gestärkt und neue Kraft gegeben, das Leben trotz aller Widrigkeiten auszuhalten.

Worum geht es wirklich im Leben? Worauf kann ich vertrauen? Auf welches Ziel bin ich ausgerichtet? Das Bewusstsein dafür hilft, unerschrocken vor vermeintlich wichtigeren, bedeutenderen, reicheren Personen – manchmal durchaus auch prophetisch – aufzutreten, wenn es um die Wahrheit geht. Denn unsere Erde und Gottes himmlisches Reich sind nicht zwei komplett getrennte Bereiche mit unüberbrückbarer Kluft dazwischen. Vielmehr liegt das Schicksal der Welt und auch jedes einzelnen Menschen in Gottes Hand – auch wenn er manchmal so fern scheint. Mit Christus ist ein Stück Himmel in unsere Welt gekommen. Er ist der Mittler, die Brücke zwischen Himmel und Erde, der Schlüssel zu Gottes Tun in der Welt. Johannes Vision des Himmels ist daher nichts unerreichbar Fernes, sondern eine Skizze unseres künftigen Zuhauses. Im Licht dieser Zukunft können wir jetzt schon fröhlich sein, auch wenn uns der Sinn von Gottes Tun oft verborgen bleibt.

Kath. Evangelium: Lk 19,11-18

Von Jesus erwartet man eine Geschichte, die Gottes Gerechtigkeit in der Welt stärkt. Stattdessen erzählt der lukanische Jesus seinen Hörer*innen, wie die Welt im römischen Imperium, in der Provinz Judäa, damals im 1. Jahrhundert funktioniert – nämlich gar nicht so anders als heute. Dieses „Kapitalistengleichnis" unterstreicht die – damit scheinbar sogar biblische – Erkenntnis: Wer viel hat, der bekommt noch mehr, wer nichts hat, dem wird das auch noch genommen.

Gut calvinistisch lernte ich dazu schon in der Schule, es gehe doch um die Pfründe und Talente, die uns in die Wiege gelegt seien, und die man(n) und Frau zum Besten der Gemeinschaft einsetzen möge. Jede*r hat einen Anteil, und den gilt es, für die Gemeinschaft zu mehren, ja, damit zu wuchern und schneller, effektiver, besser, gewinnträchtiger zu sein. „Lass deine Talente nur nicht brachliegen!", war die Botschaft; und sie hinterlässt bei mir bis heute einen schalen Beigeschmack.

Aber das Gleichnis lässt sich auch anders, durchaus politisch lesen: Da erwirtschaften Sklaven das Fünf- bis Zehnfache der ihnen anvertrauten Summe. Dem neuen König beweisen sie so, dass sie das Rückgrat seiner Herrschaft bilden können; so erhalten sie die Verwaltung von Städten nach ihrem Potential: der eine zehn, der andere fünf. Im Großen können sie fortsetzen, worin sie schon im Kleinen erfolgreich waren: Land und Leute auspressen, um ihren Reichtum zu mehren und dabei eben immer noch schneller, effektiver, besser, gewinnträchtiger zu sein. Die unproduktive Haltung des dritten Sklaven, der im schrecklichen Spiel des immer Schneller, Besser und Mehr nicht mitgemacht hat, findet dagegen keine Gnade vor dem König. Sein Geld geht an den, der schon viel erpresst hat.

Doch es gab einen Menschen, der auch ausgestiegen ist aus dem Kreislauf des immer schneller, immer mehr auf Kosten anderer Lebens, dem ebenfalls alles genommen wurde: Jesus von Nazareth. Jesus, so erzählt Lukas in den direkt anschließenden Kapiteln, hat gelitten, wurde gefoltert, der Kleidung beraubt, verlor schändlich sein Leben am Kreuz. Zu Weihnachten erinnern wir uns jedes Jahr neu daran, dass in diesem Jesus Gott selbst Mensch geworden ist.

Im Licht der lukanischen Geschichte des Gottessohnes Jesus Christus könnte man daher auch herauslesen, wie Gott solidarisch wird mit dem dritten Sklaven ebenso, wie mit all denen, die nicht bei dem Wettlauf um das Schneller, Größer, Besser mitmachen – vielleicht, weil sie zufällig rausfallen oder einfach nicht mithalten können, vielleicht aber auch, weil sie sich ganz bewusst zurücknehmen und gegen ausbeuterische Strukturen und einen Lebensstil stellen, der das Leben von Mitmenschen, ja, die Mitwelt, die Mitschöpfung insgesamt, zerstört. So kann man diese Geschichte auch als Anfrage an uns lesen: Wie viel ist genug? Auf die Dauer jedenfalls deutlich weniger, als wir oft denken.

Christina Mertens, München

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