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6. Sonntag nach Trinitatis / 17. Sonntag im Jahreskreis (24.07.22)

6. Sonntag nach Trinitatis / 17. Sonntag im Jahreskreis

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Röm 6,3-8(9-11) Gen 18, 20-32 Kol 2, 12-14 Lk 11, 1-13

 

Anregungen zu Römer 6,3-8 (9-11) und zu Kol 2,12 – 14 (2. Lesung bei den Katholiken; der Kolosserbrief ist nachpaulinisch; die angegebenen Stellen sind inhaltlich sehr ähnlich)

Da die Getauften durch Gott von ihren Sünden befreit sind, können sie nun unbelastet sich den Problemen des Klimawandels zuwenden und daran arbeiten, so zu leben, dass sie weder die Erde noch die Pflanzen noch die Tiere noch andere Menschen ausbeuten. Denn die Menschen sollen als „Bild Gottes, ihm ähnlich ... walten über alle Tiere“ des Meeres, der Luft und der Erde, also Verwalter Gottes sein, Gen 1, 26ff. „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut.“ Gen 1,31. Und so sollen auch die Menschen als Verwalter Gottes arbeiten und leben.

Anregungen zu Gen 18,20 – 32

Im Dialog Verse 23 – 32 „Abraham bittet Gott wegen der Gerechten in der Stadt der Ungerechten“ spricht (in der Einheitsübersetzung) Abraham 159 Worte, der HERR 64 Worte. Abraham redet also 2,5 Mal so viel wie der HERR. Was treibt ihn zu solch einer Ungeheuerlichkeit?

Abraham kann es nicht verstehen, dass der Gerechte zusammen mit dem Frevler gestraft wird. „Dann ginge es ja dem Gerechten wie dem Frevler!“, Vers 25. Und Gott hört auf die penetranten Bitten Abrahams.

Wenn Abraham so mit Gott, dem „Richter der ganzen Welt“ (Vers 25) verhandelt, wie müssen wir dann verhandeln mit Menschen, die Macht haben, über Menschen zu richten? Erheben wir unsere Stimme, wenn wir sehen, dass auch Unschuldige leiden müssen, weil Verbrecher „hart bestraft werden müssen“? Schweigen wir, um nicht Schwierigkeiten mit den Mächtigen zu bekommen? Resignieren wir, weil es „in dieser Welt halt ungerecht zugeht“ und „Kollateralschäden unvermeidlich sind“? Fühlen wir uns zu schwach, uns ständig mit dieser Klimakrise beschäftigen zu müssen? Oder glauben wir, dass „der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen gibt, die ihn bitten“, Lk 11,13, so dass wir frei und ohne Angst reden und unverschämt bitten?

Anregungen zu Lk 11,1-13

Überlegungen zur Vaterunser-Bitte: „Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen!“ Lk 11,3

Vor 66 Millionen Jahren verdunkelten gewaltige Wolken aus Gas und Asche die Erde. Ein Meteorit war in Mexiko auf die Halbinsel Yucatan gestürzt. In den nächsten fünf Millionen Jahren starben sehr viele Lebewesen aus, unter anderem die Dinosaurier. Es dauerte noch einmal sieben Millionen Jahre, bis sich auf der Erde wieder ein Gleichgewicht herstellte zwischen aussterbenden und neu entstehenden Arten. Menschen gab es damals noch nicht.

Vor 2000 Jahren, also zur Zeit von Jesus, gab es auf der Erde zwischen 200 Millionen und 400 Millionen Menschen. Im gesamten römischen Reich lebten höchstens so viele Menschen wie heute in Frankreich, also unter 60 Millionen Menschen.

Jesus wuchs mit der Tora auf, also auch mit den Erzählungen von der Urzeit (Gen 1- 11). Gott verspricht am Ende der Sintfluterzählung Noah, seiner Familie und damit allen Menschen: „Ich werde niemals wieder alles Lebendige schlagen, wie ich es getan habe.“ Gen 8,21. Jesus konnte also darauf vertrauen, dass Gott nicht die Menschen ausrotten wird. Aber Jesus sah auch, wie seine Familie, sein Volk lebte. 9 von 10 Menschen waren arm. Das heißt, ihre Hauptnahrungsmittel waren Brot und Wasser. Und Hunger war den Menschen durchaus nicht unbekannt. Da lehrte Jesus sie, so zu beten: „Vater, gib uns täglich das Brot, das wir brauchen!“

Heute leben schon mehr als 7,8 Milliarden Menschen auf der Erde. Dank intensiver Landwirtschaft gibt es mehr als genug Lebensmittel. Aber die menschliche Gier verhindert, dass alle satt werden. Viele Nahrungsmittel werden auch „veredelt“, indem sie zur Mast von Vieh und Geflügel dienen, damit viele Menschen viel Fleisch und viele Milchprodukte essen können. Pflanzen werden in Monokulturen angebaut, um verbrannt zu werden, damit uns im Winter warm ist und im Sommer dank Kühlung kalt. Oder: die Pflanzen werden in Treibstoffe umgewandelt, damit wir „von selbst“ (griechisch: auto) mit dem Automobil, dem Selbstfahrzeug, fahren können. Und wir verpesten, auch mit unserer modernen Landwirtschaft, die Luft mit Emissionen, so dass das Klima sich ändert.

Diese menschliche Rücksichtlosigkeit trägt entscheidend dazu bei, dass heute viel mehr und viel schneller Tiere und Pflanzen aussterben als vor 66 Millionen Jahren, nach der Meteor-Katastrophe in Yucatan. Es müssen auch viele Menschen hungern und sterben. Umkehr ist also dringend nötig. Deshalb sollen wir beten: „Vater, gib uns täglich das Brot, das wir brauchen!“

Jesus sagt nicht: “Gib mir“, sondern „Gib uns, also jedem Menschen, das Lebensnotwendige“. Und in Verbindung mit Gen 8, 21 bedeutet das: „Gib allem Lebendigen, also Pflanzen, Tieren, Menschen, das Lebensnotwendige“. Wenn wir im Gebet Gott ehrlich und inständig darum bitten, dann müssen wir selbst auch unsere Gier zähmen und Menschen, Tieren und Pflanzen Raum, Luft, Wasser und Licht geben.

Kleiner Exkurs zum Ei, das Lukas in Vers 12 nennt als Beispiel für ein besonderes Lebensmittel, das Kinder erbitten:

Ein Ei kommt im NT nur an dieser Stelle vor; im AT nur an fünf Stellen, wo aber nie ein Ei von einem Haushuhn genannt wird. Ein Hühnerei war also vor 2000 Jahren wirklich ein Leckerbissen.

Heute kosten drei Eier (in Freiland-Qualität) so viel wie eine Kugel Eis beim Italiener. Mit dem Mindestlohn für eine Stunde Arbeit kann man 30 Eier kaufen. Die Redewendung „Das bekommst du für ´nen Appel und ´nen Ei“ bedeutet: „Das kostet fast nichts“. Weshalb sind Eier heute so billig?

2021 werden weltweit etwa 20 Milliarden Haushühner gehalten – für knapp 8 Milliarden Menschen.     Geschlachtet werden im Jahr etwa 45 Milliarden Haushühner, im Durchschnitt etwa 6 Hühner pro Mensch (Woraus auch zu schließen ist, dass ein Haushuhn im Durchschnitt nur knapp ein halbes Jahr leben darf!). Wie verträgt sich solch eine „Eier- und Hühnerfleischproduktion“ mit dem Gebet: „Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen!“?

Michael Strake, Hütschenhausen

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