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Judika / 5. Fastensonntag (03.04.22)

Judika / 5. Fastensonntag

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mk 10,35-45 Jes 43, 16-21 Phil 3, 8-14 Joh 8, 1-11


Von der Umkehrung der Verhältnisse - Ev Predigtreihe IV (neu) Mk 10,35-45 

Den Verlockungen der Macht zu widerstehen, gehört zweifellos zu den härtsten Bewährungsproben. Macht haben bedeutet machen können. Macht eröffnet Handlungsspielräume, die den Ohnmächtigen verwehrt bleiben. Im Bereich der Politik ist das Ringen um die Macht allgegenwärtig. Nach der Wahl ist vor der Wahl, was nicht immer dazu beiträgt, dass politische Entscheidungen unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten tatsächlich die vernünftigsten sind. Wer an der Macht bleiben will, hat scheinbar nur die Wahl, seine Macht entweder gewaltsam zu verteidigen und zum Despoten zu werden oder es sich mit den Wählern nicht zu verscherzen.

Auch die Kirchen konnten im Laufe der Geschichte der Versuchung zu herrschen oft nicht widerstehen. Geistliche und weltliche Macht gingen Hand in Hand, was die Politik aber nicht unbedingt christlicher machte. Bis heute ist die Klage über den schwindenen Einfluss der Kirchen auf politische Entscheidungen in den Kirchen weit verbreitet. Aber auch innerhalb der Kirchen selbst gibt es hinter den Kulissen Machtspiele, die so gar nicht zu den Worten Jesu vom gegenseitigen Dienen passen.

Andererseits will das Leben gestaltet werden. Eine Welt ohne Macht wäre eine ohnmächtige Welt, in der Ungemach herrschte, weil nichts mehr gemacht würde. Nicht die Macht als Möglichkeit zum Handeln ist kritikwürdig, sondern Jesus kritisiert die Macht als Ausdruck der eigenen Überlegenheit über andere. Da wo Einfluss nehmen zum Beherrschenwollen wird, wird sie zwangsläufig unethisch und erzeugt bei den Beherrschten Trotz, Rebellion und eine Abwehrhaltung. Diese Erfahrungen haben die Kirchen immer wieder machen müssen, wenn sie versuchten, den Menschen ihre moralischen Vorstellungen gesetzlich in Form von Verboten aufzuzwingen und diese Erfahrungen machen aktuell auch politische Parteien bei dem Versuch, nachhaltiges Handeln gesetzlich vorzuschreiben.

Das eigene Handeln und die eigene Machtausübung am Wohle der Mitmenschen auszurichten ist unpopulär, vor allem dann, wenn es mit persönlichen Einbußen verbunden ist. Freiwilliges Zurückstecken um des Anderen Willen ist eine harte Forderung, aber sie ist Teil des Kelches, von dem Jesus in diesem Text spricht. Vermutlich bezweifelt er deshalb zurecht, dass alle, die nur allzu gern zu seiner Rechten oder Linken sitzen würden, tatsächlich bereit sind, ihn zu trinken.


Jes 43, 16-21 

Den Neuanfang wagen

Paul Watzlawick erzählt in seinem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ von einem Menschen, der sich alle Fehlentwicklungen seines Lebens als unvermeidbare Folge seines ersten Bieres erklärt, dem er leider nicht widerstehen konnte.

Die Nachwirkungen mancher Entscheidungen sind langwierig und scheinen oft kaum mehr revidierbar zu sein, selbst dann nicht, wenn man sich selbst, wie Mose und die Israeliten am roten Meer, in eine Sackgasse gebracht hat. Vor sich das Meer und hinter sich das Heer der Ägypten. Kein Ausweg mehr möglich. Weder nach vorne noch zurück.

Ähnelt das nicht vielen Debatten, die wir rund um das Thema Nachhaltigkeit führen? Wir haben uns an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt, inklusive Mobilität, Reisen und einer auch im Winter warm geheizten Wohnung. Gleichzeitig erleben wir, dass dieser Lebensstil offenkundig unsere Lebensgrundlagen nachhaltig beschädigt und die Zukunft der ganzen Menschheit auf diesem Planeten gefährdet. Wir stecken wie die Israeliten in einer Sackgasse. Niemand will zurück zu einem Leben ohne die lieb gewonnen Annehmlichkeiten der Moderne, doch Weitermachen wie bisher ist auch keine Option.

Der Lesetext bei Jesaja macht Mut, neue Wege zu wagen, wo scheinbar gar keine sind. Er warnt davor, sich von Vergangenem in seinem Handeln bestimmen zu lassen, so dass man im Alten verharrt, weil man Neues nicht für möglich hält. Ein Kurswechseln ist möglich, ein Neuanfang machbar für diejenigen, die den Aufbruch wagen.


Phil 3, 8-14

Steht das christliche Bekenntnis, dass die eigentliche Nachhaltigkeit erst in einer jenseitigen, neuen Welt erwartet wird, der Bewahrung dieser Welt nicht entgegen? Diesen Eindruck kann man bisweilen gewinnen, wenn manche behaupten, der Untergang dieser Welt sei in der Bibel doch angekündigt und daher stünde es dem christlichen Glauben geradezu diametral entgegen, diese Welt vor diesem notwendigen Untergang bewahren zu wollen. Das Ende dieser Welt sei ja vielmehr die Voraussetzung für die Wiederkehr Christi und die in der Bibel verheißene neue Schöpfung. Ein so verstandenes Christentum erachtet dann tatsächlich, wie Paulus es in der Lesung schreibt „alles für Dreck“, was nicht der eigenen Seligkeit dient.

Andererseits beinhaltet der Glaube auch, dass diese Welt Gottes gute Schöpfung ist, die zu bewahren er die Menschen beauftragt hat. Beauftragt er uns demnach mit etwas, dessen Scheitern vorherbestimmt ist? Oder relativiert gar die Offenbarung der Apokalypse den Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung?

Die Frage, in welchem Verhältnis die Schöpfungslehre mit ihrem Auftrag zur Bewahrung und damit alle Fragen der Nachhaltigkeit, des Umwelt- und Naturschutzes und der Klimapolitik zur christlichen Apokalyptik bzw. zur Eschatologie stehen, ist eine der entscheidenden theologischen Gegenwartsfragen. Es geht dabei um Nichts weniger als das christliche Weltbild. Erachten wir diese Welt noch als erhaltenswert oder verstehen wir uns als Christen als eingeweihte Mitwisser des vorherbestimmten Weltenlaufs und beobachten, Zuschauern gleich, nur noch das Eintreffen der Apokalypse in Form von Treibhauseffekt, Klimaerwärmung, Artensterben und Umweltzerstörung. Wer den Versuch, diesen Ereignissen aktiv entgegen zu wirken, bzw. ihnen zumindest nicht noch mehr Vorschub zu leisten, despektierlich als „Weltrettung“ verunglimpft oder gar als als Sünde und Hybris des Menschen brandmarkt, hat hier seine Wahl scheinbar schon getroffen. Wer so argumentiert muss sich allerdings fragen lassen, ob man sich hier nicht die eigene Bequemlichkeit und Unwilligigkeit zur Veränderung im Umgang mit den endlichen Ressourcen dieser Welt theologisch schön redet.


Joh 8, 1-11

Welche Voraussetzungen braucht es, um Schuld festzustellen? Eigentlich muss dazu nur ein tatsächliches Verhalten mit einer Norm verglichen und auf Abweichung überprüft werden. Wird ein dabei eine Gesetzesverletzung festgestellt, liegt eine Schuld im juristischen Sinne vor, wird lediglich gegen gesellschaftliche Werte und Normen verstoßen, handelt es sich um Schuld im moralischen Sinne. Weitere Voraussetzungen scheinen erst einmal nicht von Nöten zu sein.

So ist auch die Feststellung der Schuld der Ehebrecherin im vorliegenden Text nicht das Thema. Ihre Schuldigkeit wird nicht bestritten. Das Thema ist auch nicht die Frage, welche Voraussetzungen jemand erbringen muss, um eine Strafe an einem anderen vollziehen zu dürfen. Es geht Jesus hier nicht darum, das komplette Rechtssystem aus den Angeln zu heben und in Frage zu stellen. Das eigentliche Thema ist die zugrunde liegende Empörung der Menschen über die Schuld der Ehebrecherin, der offensichtlich ein Messen mit zweierlei Maß zu Grunde liegt. Diese Art der Doppelmoral ist inzwischen zum Standard der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in vielen Bereichen geworden. Dem Gegner werden Verhaltensweisen vorgeworfen oder schlimmer noch ohne Belege einfach nur unterstellt, die bei genauerem Hinsehen vor allem für das eigene Handeln prägend zu sein scheinen. Das Bibelwort vom Balken im eigenen Auge, den man gerne übersieht, während man den Splitter in Auge des Nächsten um so deutlicher erkennt, kommt einem hier sofort in den Sinn.

Die Geschichte von der Ehebrecherin ist nicht besonders gut geeignet, um daraus strafrechtliche Konsequenzen für den Umgang mit Gesetzesbrechern abzuleiten. Sie eignet sich aber sehr wohl, um den gesellschaftlichen Diskurs kritisch zu reflektieren. Das Internet ermöglicht es heutzutage, Menschen in einer Geschwindigkeit und einer Reichweite moralisch zu verurteilen, wie es das in der Geschichte bislang noch nie gegeben hat. Empörungswellen werden inszeniert, gesteuert und gezielt als Waffe eingesetzt. Dabei sind die moralischen Motive derjenigen, die solche Shitstorms anzetteln und befeuern in der Regel oft ebenso fragwürdig wie das Verhalten, dass sie kritisieren.

Die Hemmungen, den ersten Stein zu werfen, den ersten Tweet zu twittern, den ersten Link zu teilen oder den ersten Screenshot zu posten tendiert gegen Null. Der Mensch, den man da angreift verschwindet hinter der Virtualität, bis man selbst in Kreuzfeuer der allgemeinen Empörung gerät.

Doch der Verlust der Beißhemmung in der digitalen Welt enthemmt zunehmend auch im realen Miteinander. Ohne Empathie wird dieser Trend nicht zu brechen sein. Die Person, die da angegriffen wird, könnte auch ich selbst sein. In jedem Leben lässt sich irgendetwas finden, was andere empört und sollte es nichts geben, lässt sich etwas erfinden. Wenn die Steine erst einmal fliegen, macht es keinen Unterschied mehr, ob die Anschuldigungen gegen die gesteinigte Person wahr sind oder nicht.

Dirk Reschke, Hornbach

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