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24. Sonntag im Jahreskreis (zusätzl.)

Anregungen zum 24. Sonntag im Jahreskreis 2017

zusätzlicher Beitrag von Pfarrerin Barbara Deml, Ev. Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz (EKBO)

 Katholische Lesungen: Römer 14, 7-9; Matthäus 18, 21-35; Jesus Sirach 27, 30 - 28, 9 [i]

Zur Einstimmung

In den vorliegenden Texten wird von der Nachhaltigkeits-Trias ökonomische Nachhaltigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Nachhaltigkeit[ii] vor allem der letzte Aspekt betont. Die Texte deuten in unterschiedlicher Weise daraufhin, dass gelingendes soziales Leben Regeln braucht, nach denen die Gemeinschaft untereinander funktioniert, bis die Gerechtigkeit Gottes das Zusammenleben vollendet. In allen Texten lassen sich ethische Maßstäbe erkennen, die je nach biblischem Hintergrund und Verfassungszeit etwas unterschiedlich akzentuiert werden.

Matthäus 18, 21-35

Die Parabel vom Schalksknecht vergleicht das Reich Gottes mit dem Verhalten der Menschen untereinander. So wie der König seinem Knecht gnädig die Schulden erlassen hat, so sollte eigentlich der entlastete Knecht auch mit seinen Mitknechten umgehen. Aber die Gnadenlosigkeit des Knechtes ruft den König auf den Plan, der nun seinerseits die Gnade zurücknimmt.

Schon aus der Überlegung eines reinen „Tun-Ergehens-Zusammenhanges“ heraus - nach dem Motto: „Wie du möchtest, dass dir geschieht, so handle anderen gegenüber“ - wäre es für das gute soziale Miteinander sinnvoll, einander zu vergeben und Schuld zu erlassen. Die Hoffnung auf göttliche Vergebung, die in der Parabel zum Ausdruck gebracht wird, bringt darüber hinaus noch das göttliche Vorbild zur Sprache. Wie Gott vergibt, sollen Menschen auch vergeben. Aber auch die Umkehr gilt: wenn sich Menschen untereinander nicht vergeben, wird Gott seine Vergebung zurückziehen.

Die Parabel macht plausibel, welches Verhalten langfristig Zusammenleben möglich macht und den Glauben an die Vollendung durch Gottes Gerechtigkeit lebendig hält. Vermutlich klingt hier – im judenchristlichen Gemeindekontext – die Aufforderung zur Bewährung als Christen durch ein besonderes, neues Verhalten an, die auch an anderen Stellen des Matthäusevangeliums formuliert wird.

Römer 14, 7-9

Paulus kennt die Adressaten in Rom nicht persönlich. So ist es eher ein theologisches Traktat als ein Brief, das er an die heidenchristliche Gemeinde in Rom in einer Situation schreibt, in der die Spannungen zwischen Heidenchristen und Judenchristen wachsen.

In seinem gesamten Brief, aber auch in den hier betrachteten Versen hat Paulus die Zukunft im Blick: die Zukunft der christlichen Gemeinde, die langfristig nur als Gemeinde aus Judenchristen und Heidenchristen überleben kann. In den ersten Versen des 14. Kapitels weist Paulus auf die verschiedenen religiösen Praktiken hin (Fleischessen, Fasten, besondere Tage einhalten) und fasst zusammen, dass „ein jeder seiner Meinung gewiss“ sein soll. Und dann betont er die gemeinsame Basis des Glaubens, das Leben und Sterben in Jesus Christus: in mehreren Sätzen hintereinander spannt Paulus mit dem Begriffspaar „Leben“ und „Sterben“ den Bogen in die Zukunft und meint das durchaus im Sinne von Ewigkeit. Schließlich gipfelt die Aussage - wieder mit dem Begriffspaar – darin, dass Jesus gestorben ist und wieder lebendig geworden ist, damit er Herr sei über Tote und Lebende.

Angesichts dieser langfristigen und umfassenden Perspektive mutet der Streit über Essensvorschriften geradezu unbedeutend an. Und so fasst er in Vers 17 zusammen: denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem heiligen Geist. Vor diesem Hintergrund bedeutet Nachhaltigkeit auch die Gelassenheit, einander bei aller Verschiedenheit anzunehmen und gemeinsam auf die Vollendung in Gerechtigkeit und Frieden zuzugehen und in dieser Gewissheit der Verheißung zu leben.

 

Jesus Sirach, 27,30 – 28,9

Die Sammlung weisheitlicher Sprüche möchte ethische Handlungsanweisungen geben, die unmittelbar umsetzbar sind. In einleuchtender Weise stellt der Verfasser dar, dass das eigene Verhalten auf einen selbst zurück fällt: wer sich rächt, an dem rächt sich der Herr… wer vergibt, dessen Sünden werden auch vergeben…Denkt an das Ende, lass ab von der Feindschaft…

Angesichts der Endlichkeit und Vergänglichkeit bleibt nur die goldene Regel „do ut des“ [iii]der praktischen Ethik – oder, negativ ausgedrückt, „was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“. Im Sinne von Nachhaltigkeit und weltweiter Gerechtigkeit wären wir schon sehr weit, wenn wir diesen dazu notwendigen Perspektivwechsel und die Einfühlung in die Bedürfnisse der nahen und fernen Anderen mitvollziehen könnten. An der Schwelle zur Neuzeit formulierte Immanuel Kant die goldene Regel und deren Appell an die mündige Entscheidungsfähigkeit der Einzelnen zum kategorischen Imperativ weiter, der in seiner ersten Formulierung so lautet: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

Hans Jonas zog diese Linie wiederum weiter zu seiner Grundlage der Ethik der Verantwortung, die er so beschreibt: „Handle so, dass die Wirkungen deines Handelns verträglich sind mit echter Permanenz menschlichen Lebens auf Erden.“[iv] Klarer lässt sich der Blick auf Nachhaltigkeit kaum formulieren.

 


[i] Den Überlegungen zu liegt Lutherübersetzung 1984 zugrunde. Jesus Sirach wurde in der Einheitsübersetzung betrachtet.

[ii] Vgl. das Drei-Säulen-Modell der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages, Bericht der Brundtland-Kommission (1987). Der Abschlussbericht der Brundtland-Kommission „Unsere gemeinsame Zukunft“ ist deswegen so bedeutend für die internationale Debatte über Entwicklungs- und Umweltpolitik, weil hier erstmals das Leitbild einer „nachhaltigen Entwicklung“ entwickelt wurde. Die Kommission versteht darunter eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“

[iii] Lateinisch: „ich gebe, damit du gibst.“

[iv] Hans Jonas, Das Prinzip der Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation.

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