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15. Sonntag nach Trinitatis / 25. Sonntag im Jahreskreis (24.09.17)

15. Sonntag nach Trinitatis / 25. Sonntag im Jahreskreis 2017 [III/A]

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Lk 18, 28-30 Jes 55, 6-9 Phil 1, 20ad-24.27a Mt 20, 1-16a

Existenzsichernder Lohn hier und dort - Predigtanregung

Die beiden Perikopen Lk 18,28-30 und Mt 20,1-16a verbindet das Thema Lohn: Bei Lukas geht es um den Lohn der Nachfolge, bei Matthäus um die Löhne, die im Himmelreich gezahlt werden. Der Lohn ist das, womit die Existenz gesichert wird. Das Haus als materielle Grundlage gehört bei Lukas ebenso dazu wie das soziale Netz der Großfamilie. Wer nicht einer der wenigen reichen Gutsbesitzerfamilien angehört – also die große Masse der Bevölkerung -, lebt jedoch hauptsächlich vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft und vom Lohn, den er oder sie dafür erhält.[1]

Arbeit und damit auch Lohnarbeit ist konstitutiv für das Menschenbild der Bibel. Sie ist lebenslange und schweißtreibende Mühsal (Gen 3,17 ff), durch die der Unterhalt von Familien gesichert wird. Das Recht auf existenzsichernden Lohn ist darum sowohl im Alten als auch im Neuen Testament kein Randthema, sondern ein immer wieder thematisierter Prüfstein für Gerechtigkeit. Die Grundbedeutung des hebräischen Verbs für entlohnen ist „Gleiches mit Gleichem vergelten“. Im Griechischen gibt es mehrere Begriffe dafür, zwei davon finden sich nur in christlicher Literatur und unterstreichen die Bedeutung des Themas im Neuen Testament.

Durchgehend gilt in der Bibel der von Jesus in Lk 10,7 für seine Jünger formulierte Grundsatz, dass der Arbeiter oder die Arbeiterin ihres Lohnes wert ist, und zwar unabhängig vom Verhältnis zum Arbeitgeber und von der Art der Arbeit.[2] Lohnverweigerung ist gegen Gottes Gebote und wird unter Gerichtsandrohung gestellt.[3] Besonders drastisch in Sir 35,27: „Wer dem Arbeiter seinen Lohn nicht gibt, der ist ein Bluthund“. Klar ist dabei immer, dass Lohn der Unterhalts- bzw. Existenzsicherung dient. Darum wird ausdrücklich bestimmt, dass diejenigen, die in der Lohnpyramide ganz unten stehen und deren Lohn gerade eben das Existenzminimum sichert – nämlich  Tagelöhner – ihren Lohn am selben Tag erhalten sollen, an dem die Arbeitsleistung erbracht wurde.[4]

Aufgrund der generellen anthropologischen Bedeutung der Arbeit  sind Erwerbsarbeit und gerechte Entlohnung trotz des tiefgreifenden Wandels der Arbeitsgesellschaft als  sozialethische Themen von dauerhafter Bedeutung. Existenzsichernde Löhne sind ein Grundpfeiler von Beteiligungsgerechtigkeit und werden z.B. in der EKD-Denkschrift „Gerechte Teilhabe“ von 2006 thematisiert: „Dabei besteht die besondere Notwendigkeit, die Entwicklungen im Niedriglohnsektor dauernd zu beobachten. Das Phänomen der ‚working poor’, also von Erwerbstätigen, deren Entlohnung nicht aus der Armut herauszuführen vermag, verdient angesichts zunehmenden Drucks auf die Löhne auch in kirchlichen Institutionen verstärkte Aufmerksamkeit. Ein Niedriglohnsektor darf kein Bereich werden, in dem Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch eine sich stets nach unten bewegende Lohnspirale ausgebeutet werden“.[5]

Das Recht auf existenzsichernden Lohn ist in den zentralen Dokumenten der Erklärung und Umsetzung der Menschenrechte enthalten, so in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte[6] und in den ILO Konventionen Nr. 95 und 131. Nicht nur, aber speziell in der Textilindustrie ist es weltweit verbreitete Praxis, Angestellten für eine 48 Stunden lange Arbeitswoche einen Lohn auszuzahlen, mit dem sie ihre Grundbedürfnisse nicht befriedigen können. Diese Praxis verstößt gegen ein Menschenrecht.

In der Textilindustrie ist das Problem der niedrigen Löhne in allen Ländern, von China, Indien, Kambodscha, den mittelamerikanischen Ländern bis in die Produktionsländer Osteuropas wie Rumänien, Bulgarien und der Türkei, in etwa gleichem Ausmaß vorhanden. Die Entlohnungssituation ist über den Vergleich von Lebenshaltungskosten mit der Lohnhöhe gut beschreibbar. Vor allem aber sind die niedrigen Löhne das wohl drängendste Problem der Millionen von Textilarbeiterinnen in Asien, Lateinamerika und Osteuropa, deren Leben oft von Arbeitszeiten weit über das zulässige Maß und der ständigen Sorge um die Versorgung ihrer Familien geprägt ist. Sozialpolitisch gesehen führen Löhne unterhalb des Existenzminimums dazu, dass sich weite Teile der Bevölkerung aus diesen Ländern nicht aus der Armut befreien können, obwohl sie ein formelles Beschäftigungsverhältnis haben.[7]

Die Zahlung existenzsichernde Löhne in der Lieferkette ist darum ein zentrales Nachhaltigkeitsanliegen, das sowohl von einer christlich-ethisch motivierten Kundschaft als auch von kirchlichen Investoren gegenüber Textilunternehmen eingefordert wird. Können sie sicherstellen, dass die Näherinnen in ihren Subunternehmen in Indonesien und Myanmar für ihre Arbeit einen Lohn erhalten, mit dem sie eine Familie ernähren, Schulgeld und -uniformen für ihre Kinder sowie Arztrechnungen bezahlen können und außerdem noch etwas Geld zurücklegen können für unerwartete Notfälle? Diese Frage stellt sich beim Kauf von Kleidung und Turnschuhen ebenso wie beim Kauf von Aktien, etwa von adidas, Puma, Gerry Weber oder Hugo Boss. Und wer Antworten darauf sucht, wird zum Beispiel fündig beim SÜDWIND Institut für Ökonomie und Ökumene[8] oder bei Misereor[9].

Vom Lohn, der die Existenz sichert, redet Jesus sowohl in der Lukas- als auch in der Matthäusperikope. Seine Antwort auf die besorgte Frage der Jünger bei Lukas ist ebenso wenig wie das Gleichnis von den Tagelöhnern im Weinberg verständlich, ohne zu wissen, was es mit existenzsicherndem Lohn damals und heute auf sich hat. Aber es geht Jesus um mehr als das: Die ökonomischen und sozialen Zusammenhänge sind durchaus als solche bedeutsam – die irdische Gerechtigkeit ist nicht belanglos -, aber sie sind im Mund Jesu immer auch Zeichen und Hinweis darauf, wie Gott mit den Menschen umgeht.

Gott ist es nämlich, der ihre Existenz sichert, hier und dort, auf Erden wie im Himmelreich. Im Unterschied zum Verhalten irdischer Arbeitgeber, die ihre Macht, Bedingungen zu diktieren, zu Ungunsten der Lohnempfängerinnen und -empfänger ausüben, zahlt Gott auch denen ganz unten, den Allerletzten einen unverdient hohen Lohn, einen Lohn, der das Vielfache dessen ist, womit wir rechnen. „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken“, heißt es in Jes 55.

Karin Bassler in Verbindung mit Antje Schneeweiß


[1] Vgl. zum Folgenden: Jürgen Kegler/Ute E. Eisen: Art. „Lohn“ in Crüsemann, Frank et al. (Hg.): Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, S. 357-359, Gütersloh 2009.

[2] Gen 29,15: Zwar bist du mein Verwandter, aber solltest du mir darum umsonst dienen; Ex 2,9: Nimm das Kindlein mit und stille es mir; ich will es dir lohnen; Num 18,31: Es ist euer Lohn für euer Amt an der Stiftshütte; Dtn 25,4: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden; 1Kor 3,8: Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit.

[3] Jer 22,13; Weh dem, ... der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt und gibt ihm seinen Lohn nicht; Jak 5,4: Siehe, der Lohn der Arbeiter, die euer Land abgeerntet haben, den ihr ihnen vorenthalten habt, der schreit, und das Rufen der Schnitter ist gekommen vor die Ohren des Herrn Zebaoth.

[4] Lev 19,3: Du sollst deinen Nächsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagelöhners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen; Dtn 24,15: Dem Tagelöhner, der bedürftig und arm ist, sollst du seinen Lohn nicht vorenthalten, er sei von deinen Brüdern oder den Fremdlingen, die in deinem Land und in deinen Städten sind, sondern du sollst ihm seinen Lohn am selben Tage geben, dass die Sonne nicht darüber untergehe – denn er ist bedürftig und verlangt danach -, damit er nicht wider dich den Herrn anrufe und es dir zur Sünde werde.

[5] http://www.ekd.de/download/gerechte_teilhabe_2006.pdf , S. 13.

[6] Artikel 23, 3: Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls

ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen. http://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf

[7] Siehe: In Work but Trapped in Poverty, Oxfam 2015, http://policy-practice.oxfam.org.uk/publications/in-work-but-trapped-in-poverty-a-summary-of-five-studies-conducted-by-oxfam-wit-578815 .

[8] http://www.suedwind-institut.de/themen/sozialstandards-im-welthandel/textilien/

[9] https://www.misereor.de/fileadmin/publikationen/unterrichtsmaterial-textil-siegel-unterrichtsfolien.pdf

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