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12. Sonntag nach Trinitatis / 22. Sonntag im Jahreskreis (03.09.17)

12. Sonntag nach Trinitatis / 22. Sonntag im Jahreskreis 2017 [III/A]

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jes 29, 17-24 Jer 20, 7-9 Röm 12, 1-2 Mt 16, 21-27

Von Nachfolge und Selbstverleugnung (Mt 16, 21-27)

Es war einmal eine Zeit und eine Region, in der alle Menschen getauft waren. Sie empfingen die Sakramente, feierten viele Gottesdienste, verehrten ihre Heiligenbilder und brachten ihnen und der Kirche viele Opfer dar. Ob sehr reich oder sehr arm, sie glaubten sich in der Hand Gottes und baten um seine Gnade. Sie dankten auch Gott - die Reichen, weil er sie als Zeichen seiner Huld mit so vielen Gütern beschenkt hat und die Armen, weil er ihnen ein Leben im Himmel verheißen hat, wenn sie nur ergeben und gläubig ihr elendes Leben ertragen würden. Die Kleriker aber hatten eine besondere Last zu tragen: In Stellvertretung Gottes (bzw. Christi) verteilten sie die Gnadengaben, mussten zwischen Gut und Böse unterscheiden und die Menschen zum Gehorsam gegenüber Gott und den weltlichen Autoritäten anleiten.

Doch dann kam Jesus von Nazareth und störte diese Idylle, er stellte sie gar auf den Kopf. Schon nach seinem ersten Auftreten in Nazareth wollten sie ihn den Abhang hinunterstürzen. Dabei hat er nur die Worte des Propheten in der Synagoge vorgelesen. Was hat er also verbrochen? Zur Zeit Jesu erlebte das jüdische Volk die schlimmste Unterdrückung seit Jahrhunderten. Die römische Besatzungsmacht erstickte jeden Widerspruch mit schrecklicher Gewalt. Kreuzigungen waren an der Tagesordnung. Die Römer quetschten Land und Menschen aus wie eine Zitrone. Die jüdische Oberschicht - Älteste, Hohepriester und Schriftgelehrte - kollaborierte mit der Besatzungsmacht.

Das Volk war daher gläubiger als zuvor. Es sehnte sich nach dem Messias, der sein Volk befreien, die Mächtigen vom Thron stoßen und die Niedrigen erhöhen wird. In der Erwartung der Rettung bzw. um diese umso schneller herbeizuzwingen, gaben sie ihr letztes Hemd für Opfergaben, Tempeldienste und Tempelsteuern. (Wiederum andere griffen zum Schwert). Das Geschäft der „Herren der Synagoge“ blühte. Was kümmert es sie, wenn das einfache Volk bis aufs Blut geschunden wird und wenn es unter die Räuber fällt? Die „Frommen des Tempels“ gehen ungerührt an den Opfern dieser politischen und wirtschaftlichen Strukturen vorbei, weil sie nur um ihr eigenes Seelenheil und ihre eigenen Geschäfte besorgt sind. Diese Praxis wurde von Jesus als gotteslästerlich entlarvt und deshalb musste er sterben.

Die Kultur und Religion des christlichen Abendlandes ist seit Beginn der Neuzeit über die ganze Welt verbreitet worden. Doch welche Religion wurde verkündet? Das Christentum als Religion, im Dienste der Herrschenden, als Trost für die Armen und Rechtfertigung von Macht und Hierarchien? Typische Kennzeichen von Religion sind nach klassischer Deutung: Viele Gebote und Verbote, Opferkult und kultische Verehrung, gottgewollte Strukturen, Tempeldienste, etc. Doch Jesus wurde im Namen einer solchen Religion getötet. Sind wir daher als Gemeinschaft der Jüngerinnen Jesu nicht eher eine Bewegung, mit Jesus dem Christus auf dem Weg zu einer immer gerechteren Welt und einer geschwisterlichen Menschheit? 

Im Unterschied zu vielen Religionen haben wir als kath. Kirche (alle, die an Jesus den Messias glauben und ihm nachfolgen) ein Alleinstellungsmerkmal: Absoluter Maßstab ist der „nackte“, der gekreuzigte, vertriebene und missachtete Mensch, das hungernde Kind - bzw. wie wir uns demgegenüber verhalten. Dies zu glauben bedeutet eine Revolution, denn es stellt das Verständnis und die Praxis der religiösen Autoritäten nicht nur in Frage, sondern als falsch dar, weil nicht dem Willen Gottes entsprechend. Die Grundlage einer neuen, jesuanischen Spiritualität ist die Erschütterung, im gekreuzigten Gegenüber das Antlitz des gekreuzigten Gottes zu entdecken und sich bedingungslos mit ihm zu solidarisieren. Erst eine solche existentielle Begegnung mit dem „Anderen“ führte zur Umkehr selbst von Bischöfen wie Oscar Romero und vielen unbekannten Märtyrern, die bereit waren, für die Befreiung der „Verdammten dieser Erde“ ihr Leben hinzugeben. 

Diese „Wegwerfmenschen“, wie Papst Franziskus sie nennt, verstehen die Botschaft Jesu anders als wir. Auch Petrus und die anderen Apostel haben Jesus zuerst nicht verstanden (seine Jüngerinnen aber schon eher). Wenn Jesus in Mt 16, 21-23 seinen Leidensweg ankündigt, ist das nur logisch. Denn er kannte das Schicksal der Propheten, besonders auch von Johannes dem Täufer, dessen „Schüler“ er wohl anfänglich war. Wenn er schon seit seinem ersten Auftreten zur Umkehr aufruft und den Beginn einer neuen Zeit verkündet, in der alles anders ist, als das, was bisher in der Welt zählt und wichtig ist, dann muss er dies auch zu Ende bringen – bis zur letzten Konsequenz. Sonst hätte er ja gleich zuhause bleiben können. Nun kündigt er gar an, er müsse nach Jerusalem gehen, in die „Höhle des Löwen“, ins Zentrum der  religiösen und politischen Herrschaft. Er musste mit seinem Tod (am Kreuz oder durch Steinigung) rechnen. Und wäre er nicht nach Jerusalem gegangen, gäbe es kein Christentum.

Nachdem nun über Jahrhunderte hinweg in weiten Teilen der Welt vorrangig die Botschaft der „Ältesten, Hohen Priester und Schriftgelehrten“ verkündet worden war, wurde nun mancherorts die Botschaft verkündet, derentwegen Jesus zum Tod verurteilt worden war. Bisher Ausgegrenzte, die große Mehrheit des Volkes, erfuhren nun, dass dieser Jesus nicht ihre Unterdrückung, ihre Sklaverei und den Tod ihrer Kinder wollte, sondern das Gegenteil: Dass er mitten unter ihnen zur Welt kam, sich vorrangig mit ihnen solidarisiert und gemeinsam mit ihnen eine neue Zeit und ein neues Leben beginnen will. Einer von ihnen z.B. war Don Anselmo, den ich jahrelang begleiten durfte. Er war die „Seele seiner Gemeinschaft“, vom Bischof beauftragt zu taufen, die Gemeinde zu leiten und das Evangelium zu verkünden. Seine Gemeinschaft deckte die herrschenden Missstände auf, teilte untereinander, was sie zum Leben brauchten (das „tägliche Brot“) und wurden so als Gemeinschaft zu einem Zeichen der Hoffnung für andere. Dies aber konnten und wollten  die „Fürsten dieser Welt“ nicht dulden. Sie sperrten Don Anselmo ein, hängten ihn ans Kreuz, brachen ihm alle Gliedmaßen, verspotteten ihn und drohten, ihn beim nächsten Mal zu töten. Als er nach einigen Monaten schwer gezeichnet zurückkam, baten wir ihn, zumindest eine Pause einzulegen. Doch er lehnte entrüstet ab. „Kann ich denn meine Gemeinschaft im Stich lassen, jetzt, wo sie mich am dringendsten braucht“? 

„Weiche von mir, Satan“! So sprach Jesus schon vor Beginn seines Aufbruchs. Die Versuchung nach unbeschränkter Macht und Besitz, mehr sein und haben zu wollen als der andere, steckt in jedem Menschen. Selbst der Messias war davor nicht gefeit. So dachte wohl auch Petrus zuerst u.a. daran, welchen Posten er im „neuen Reich“ haben wird. Die Versuchung, Macht ausüben zu wollen, ist typisch für den „alten Menschen“. Petrus steht für uns alle: Gott nahe sein zu wollen („ich und mein Gott“), ohne bereit zu sein, das Kreuz auf sich zu nehmen um der Nächsten willen. Doch Jesus fordert Umkehr, gerade auch von uns, die wir mehrheitlich auf Kosten anderer leben. Doch wir richten uns bequem ein, verschanzen uns hinter  dicken Mauern, Strukturen, Vorschriften, Riten und glauben uns auf dem richtigen Weg oder gar schon am Ziel (gerettet) - statt diese eingefahren Wege zum Tempel zu verlassen und den Menschen, die unter Räuber gefallen sind, Bruder und Schwester zu werden.

Don Anselmo und viele andere Frauen und Männer wissen, was es heißt, Jesus nachzufolgen. Nachfolge bedeutet (auch) Kreuzesnachfolge: Sein Leben einsetzen für andere, zum Brot des Lebens werden für andere, denen ein Leben in Würde vorenthalten oder gar geraubt wird. Dies wäre dann der „wahre Gottesdienst“, wie er in Röm 12, 1-2, der 2. Lesung zum Evangelium, beschrieben wird: Sich nicht dieser Welt und ihren sündhaften Strukturen hinzugeben, sondern den Menschen, die zum Opfer dieser Strukturen der Ausgrenzung und Unterdrückung geworden sind. Wer das sagt und lebt, mag zwar zum Gespött dieser Welt werden (so wie in der 1. Lesung zum Evangelium, Jer 20, 7-9). Doch diese „alte Welt“ und der alte Mensch“ sind endgültig an ihre Grenzen gestoßen. Es geht kein „weiter so“. Uns ist daher aufgetragen, die Welt - Gesellschaft, Wirtschaft, Politik - im Geiste Jesu Christi zu verwandeln. In Jes 29, 17-19, der ev. Predigtperikope, wird dies mit drastischen Worten bestätigt: „Denn der Unterdrücker ist nicht mehr da, der Schurke ist erledigt…“.

Eine menschenwürdige Zukunft und ein gutes Leben für alle wird umso wahrscheinlicher, je mehr „neue Menschen“ wie Don Anselmo bereit sind, in der Nachfolge Jesu bis „zum Letzten“  zu gehen.

Willi Knecht

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