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10. Sonntag nach Trinitatis / 20. Sonntag im Jahreskreis (20.08.17)

10. Sonntag nach Trinitatis / 20. Sonntag im Jahreskreis 2017 [III/A]

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
2 Mose 19, 1-6 Jes 56, 1.6-7 Röm 11, 13-15.29-32 Mt 15, 21-28

Ansatzpunkte der Bibelstellen für nachhaltiges Predigen

Ex 19, 1-6: Der Exodus ist die Urerfahrung des Volkes Israel. Hiervon leiten sich sein Selbstverständnis und sein Gottesverständnis ab. Das Buch Genesis erzählt Geschichten von Einzelpersonen und Familien - mit der Verheißung, dass Abrahams Familie zu einem großen Volk wird. Jedoch erst das Buch Exodus berichtet von einer kollektiven Erfahrung Israels: der Sklaverei in Ägypten. Und die zweite kollektive Erfahrung ist die der Flucht aus der Sklaverei. Diese Flucht wird als Befreiungstat Gottes verstanden, eines Gottes, den Israel aufgrund dieser Erfahrung überhaupt erst verehrt und anbetet. Die Urerfahrung Israels ist es, ein Volk von Flüchtlingen zu sein.

Diese Flucht wird zunächst sehr dramatisch beschrieben und die Flüchtlinge entkommen nur dank eines wundersamen Eingreifens Gottes (Schilfmeer). Die Gefahr im Moment der Flucht können viele heutige Flüchtlinge aus Bürgerkriegsgebieten gut nachempfinden. Wenn die Verfolger abgeschüttelt sind, ist noch lange kein Leben in Ruhe und Sicherheit in Sicht. Es folgt für Israel die lange  Wanderung durch die Wüste; Flüchtlinge heute warten in Lagern darauf, endlich in Sicherheit ein neues Leben beginnen oder in ihre Heimat zurückkehren zu können.  In der Bibel ist es diese Zeit in der Wüste, die Israel erst zu einem Volk macht. Hier erfährt es seine entscheidenden Gottesbegegnungen, hier erhält es sein Gesetz. Die Historizität des Exodus ist dabei zweitrangig – entscheidend ist, dass er in der Geschichte Israels immer wieder als Referenzpunkt genommen wird.

Wenn nun Israel ein Volk von Flüchtlingen ist, dann ist Gott der Fluchthelfer. Natürlich keiner, der sich dafür bezahlen lässt, aber er bringt (durch Mose) Israel überhaupt erst dazu, eine Flucht aus Ägypten zu erwägen. „Ihr habt gesehen ... wie ich euch getragen und auf Adlerflügeln zu mir gebracht habe.“ Verändert eine solche Lektüre des Exodus unseren Umgang mit heutigen Flüchtlingen?

Jes 56,1. 6-7: Wenn am Anfang der Geschichte Israels die Erfahrung des Exodus steht, so sind Recht und Gerechtigkeit Leitlinien seiner Ethik. Jes 56 ist dabei schon stark eschatologisch geprägt. Auf der einen Seite spricht der Prophet noch vom Recht und der Gerechtigkeit, für deren Gültigkeit Israel sorgen soll, auf der anderen Seite verheißt er auch schon das Kommen der Gerechtigkeit Gottes.

Würde Jesaja heute Recht und Gerechtigkeit bei uns vorfinden? Wolfgang Kessler, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler und Chefredakteur der christlichen Zeitschrift Publikforum, benennt vier neue, alte Krisenherde: Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich auch in Deutschland, die entfesselten spekulativen Finanzmärkte, die Konzentration des weltweiten Reichtums auf 1% der Weltbevölkerung und die immer deutlicher werdenden Grenzen des Wachstums (Dr. Wolfgang Kessler: Zukunft statt Zocken: Gelebte Alternativen zu einer entfesselten Wirtschaft. Oberursel 2013). Unsere Welt ist vom biblischen Ideal der Gerechtigkeit weit entfernt.

Das war zur Zeit der biblischen Propheten nicht anders. Nicht umsonst treten sie immer wieder als Mahner auf – manche drohen mit dem Gericht, Jesaja hingegen wählt die Form der Verheißung: „Meine Gerechtigkeit wird sich bald offenbaren.“ Er benennt diejenigen, denen die Verheißung gilt: „die dem Herrn dienen, … die den Sabbat halten, …. die an meinem Bund festhalten“). Jesaja macht dabei keinen Unterschied zwischen Israel und den anderen Völkern. Er benennt sogar ausdrücklich die „Fremden“, die sich an Gottes Gebote halten.

Wen Jesaja hier nicht benennt, das sind die andern, nämlich diejenigen, die nicht für Gerechtigkeit sorgen, diejenigen, die Gottes Gebote nicht halten. Was mit ihnen geschieht, wenn Gottes Gerechtigkeit sich offenbart, sagt Jesaja nicht. Vielleicht hofft der Prophet, dass diese Gerechten für das ganze Volk Israel (und letztendlich für alle Völker) Gerechtigkeit herstellen können.

Ähnlich hoffnungsvoll ist auch Wolfgang Kessler: Innerhalb dieser weltweiten Krisen sieht er „Inseln der Hoffnung“: Kommunen, die ökofair einkaufen; die GLS-Bank, die sich nicht an Spekulationsgeschäftigen beteiligt und ihre Kredite nach ethischen Kriterien vergibt; der Schweizer Kanton Basel-Stadt, der über ein faires Abgaben- und Verteilungssystem den Stromverbrauch kontinuierlich senkt; das Fairphone, das auf dem Weg ist, eine faire Lieferkette für Elektronik aufzubauen.

Kessler erhofft sich, dass diese Beispiele viele Nachahmer finden. Er vertraut dabei auf die vielen Einzelinitiativen, die letztendlich auch die Politik verändern werden. „Wahrt das Recht und sorgt für Gerechtigkeit“ – das war in Israel auch immer ein Anspruch an die Regierenden.

Röm 11,13-15.29-32: In diesem Text spiegelt sich die persönlich Tragik von Paulus wider, der strenggläubiger Jude war, bevor er Christus als seinen Retter erkannte und zum Apostel der „Heiden“ wurde. Nun muss er sehen, wie das Christentum sich in der ganzen nicht-jüdischen Welt ausbreitet, von seinem eigenen Volk jedoch größtenteils abgelehnt wird. Es bleibt ihm jedoch die Hoffnung, dass diese Ablehnung („Ungehorsam“) nur eine Vorstufe ist, damit Gottes Erbarmen sich umso größer zeigen kann.

Die Frage nach dem Heil für die Juden, die Paulus damals umtrieb, soll hier nicht Thema sein.

Aber vielleicht kann die Frage nach dem „Ungehorsam“ in den eigenen Reihen beim Thema Nachhaltigkeit eine spannende Fragestellung sein. Neben den öffentlichen Haushalten, sind die Kirchen der zweitwichtigste Einkäufer Deutschlands. Wie sieht es da mit der ökofairen Beschaffung aus? Welche Kriterien spielen bei der Anschaffung von Dienstfahrzeugen eine Rolle (CO2-Bilanz, Energieverbrauch)? Ist das Fairphone der Standard bei den Diensthandys?  Verwenden wir in unseren Pfarrbüros Umweltschutzpapier? Werden unsere Pfarrfeste ökofair durchgeführt? (Einen Leitfaden dazu gibt es unter www.gutesleben-fueralle.de).

Es wäre schön, wenn Wolfgang Kessler demnächst auch die Kirchen zu den „Inseln der Hoffnung“ zählen könnte.

Mt 15, 21-28: In diesem Evangeliumstext wird Jesus mit der Frage konfrontiert, wer zur Zielgruppe seines Auftrags gehört. Bis zu diesem Moment ist für ihn klar, dass er sich um die Bedürftigen im Volk Israel kümmern soll. Nun braucht eine kanaanäische Frau seine Hilfe. Zunächst verweigert er sich, weist sie sogar ziemlich grob zurück, doch die Frau selbst kann ihn überzeugen.

Wenn es selbst dem Messias schwer fällt, sich von der Vorstellung zu lösen, dass Solidarität zunächst nur dem eigenen Volkgenossen/der eigenen Volksgenossin oder dem religiösen Bruder/der religiösen Schwester gilt, ist es verständlich, dass auch wir über die Grenzen unseres Engagements nachdenken. Und je fremder uns der Andere ist, desto schwerer fällt es uns auch, ihm Gutes zu tun.

In der globalisierten Welt lösen sich diese Grenzen jedoch auf, weil wir über Produkte und Dienstleistungen weltweit verbunden und vernetzt sind.

Die Kampagne „Gutes Leben. Für alle!“ wurde 2013 vom Katholikenrat im Bistum Speyer initiiert und wird mitgetragen von der Diözese Speyer und vom Bischöflichen Hilfswerk MISEREOR. Die Kampagne hat einen Prozess angestoßen, bei dem Einzelpersonen, Pfarrgemeinden, kirchliche Gruppierungen und Einrichtungen, sowie Schulklassen im Rahmen von Aktionen und Projekten zu weltweiter Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung beigetragen haben. In der momentanen dritten Phase („Begegnungen“) kommen Menschen aus unterschiedlichen Kontexten (Globaler Süden und Globaler Norden, Ost-Europa und West-Europa) ins Gespräch, welchen Beitrag sie zu einem gerechten und nachhaltigen Wirtschaften leisten können. Wie Jesus wollen sie die Grenzen ihrer Länder, Kulturen und auch Religionen überschreiten. Im Sinne dieser Grenzüberschreitung dürfen die Projekte und Aktionen dieser Kampagne auch in anderen Diözesen, Landeskirchen und Gemeinden wiederholt und weitergeführt werden. Anregungen dazu sind auf der Homepage www.gutesleben-fueralle.de zu finden.

Dr. M. Bossung-Winkler

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