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6. Sonntag nach Trinitatis / 16. Sonntag im Jahreskreis (23.07.17)

6. Sonntag nach Trinitatis / 16. Sonntag im Jahreskreis 2017 [III/A]

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
5 Mose 7, 6-12 Weish 12, 13.16-19 Röm 8, 26-27 Mt 13, 24-43

Deuteronomium 7, 6 - 12

Das Proprium des 6. So.n.Trin. ist auf die Taufe bezogen, beginnend mit den Formulierungen der Liturgie, den Evangelien- und Epistellesungen und endend mit dem Tauflied EG 200 als Wochenlied und dem Wochenspruch aus Jesaja 43,1, der häufig verwendeter Tauf- bzw. Konfirmationsspruch ist. Bei der Auslegung scheint es aufgrund dieser Zusammenhänge sinnvoll, das Proprium zu beachten und den Bezug zur Taufe im Auge zu behalten bzw. in der Predigt herzustellen.

Die deuteronomistischen Theologie und der besondere Ton des Deuteronomiums lässt – auch aufgrund der sprachlich immer wieder auffallenden Herzlichkeit und dem Werben Gottes – insgesamt eine höhere Stufe der Reflektion erkennen und war schon früh Grund dafür, dieses Buch spät- nachexilisch anzusetzen. Ursprüngliche Adressaten waren demzufolge nicht die jüdischen Stämme vor der Landnahme nach der Gefangenschaft in Ägypten, sondern das jüdische Volk nach dem babylonischen Exil und mit den bereits vorliegenden Erfahrungen- und Gotteserfahrungen.
Das Deuteronomium wird wegen seiner werbenden Eigenart und wegen seines Sprachgebrauchs auch „Herz des Alten Testamentes“ genannt. Inhalt insbesondere der vorliegenden Perikope ist die bedingungslose, d. h. ohne Werke des Gesetzes erfahrene und erfahrbare Liebe Gottes, die ohne Gegenleistung geschieht und in Verbindung steht mit der Treue Gottes, die nicht durch das menschliche Gegenüber bedingt ist (vgl. EG 200,4). Die Massstäbe für Gottes Handeln unterscheiden sich dabei von Maßstäben menschlicher Gesellschaften und menschlicher Logik: Menschen können trotz ihrer eigenen Unvollkommenheit und hier insbesondere ihrer naturgemäßen Unheiligkeit an der Heiligkeit Gottes teilhaben.
Dabei mag der Bund für Kontinuität stehen-, die Bewahrung des Menschen meint aber nicht den Anspruch auf ein bequemes oder langes Leben, sondern ein sinnerfülltes Leben. Dem Indikativ, der Zusage Gottes folgt hier der Imperativ; Deuteronomium 7, 12 steht gewissermaßen im Kontrast zur traditionellen lutherischen Rechtfertigungslehre.

Bei einer Auslegung ist – unabhängig von einem möglicherweise individuellen Bezug, der etwa bei einer Taufe gegeben wäre – die Erwählungstradition zu beachten. Gott erwählt Israel zu seinem Volk; sein Beweggrund ist Liebe. (Luthers im Vers 7 gewählte Übersetzung „angenommen“ ist  zu schwach; das hebräisch Verb bezeichnet  ein „an jemandem aus Liebe hängen“). Dabei geht die Erwählung souverän von Gott aus; später übrigens in ähnlicher Weise von Jesus (Joh 15,16.19). Wenn der religiöse Topos der Erwählung mit einem souveränen politischen Kollektiv in Verbindung gebracht wird, nicht, wie in der Perikope, mit dem kleinen, offensichtlich schutzlosen und schwachen Israel, entstehen leicht gefährliche Fehlinterpretationen. Anzuführen sind Aussagen etwa ultraorthodoxer Juden im Gegenüber zu Palsätinensern oder auch das Selbstverständnis und Sendungsbewusstsein der ame-rikanischen Politik gegen Kulturen, deren Ausrichtung der eigenen Überzeugungen entgegenstehen. In Zeiten einer auch hierzulande etwa durch die Migration von Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen entstehenden und progressiv wachsenden multiethnischen, multikulturellen und multireligiösen Bevölkerung kann die vorliegende Perikope zeitgemäß nur so bedacht werden, dass die christlichen Gemeinden ihre Erwählung als Differenz ohne Diskriminierung verstehen und ihre Abgrenzung ohne Ausgrenzung.

Vom Aspekt der Nachhaltigkeit her betrachtet ist die Erwählung (wie sie auch im Rahmen einer Taufe thematisiert werden kann) als tragendes Fundament zu verstehen. Die liebende Zuwendung Gottes zu Volk und Person, die Selbstvertrauen zu schenken vermag, macht Mut, für diesen Bund einzutreten. Es gilt auf die Erwählung in Dankbarkeit zu reagieren und durch den Lebensvollzug der Erwählung treu zu sein; sie sichtbar werden zu lassen. Von Natur aus nachhaltig ist die Liebe Gottes, seine Erwählung, die im Falle des Täuflings von nun an ein Leben lang gilt, auch dann, wenn der Täufling auf Abwege geraten sollte (EG 200,4). Gottes Zusage entspricht der unendlich erscheinenden Geduld Gottes, der Erwartung, etwas wachsen zu sehen, wobei eine Parallele gezogen werden kann zwischen den Früchten des Glaubens und den Früchten des Feldes, die als Abbild auf den Erntedankaltären liegen und dort als Sinnbild für die Glaubensfrüchte dienen unter Berücksichtigung ihres ursprünglichen Sinns in der evangelischen Altargestaltung, wie der lebendige Blumenschmuck Hinweis auf die Vergänglichkeit zu sein: „Alles vergehet,/ Gott aber stehet/ ohn alles Wanken/ seine Gedanken/ sein Wort und Wille hat ewigen Grund.“ (EG 449,8). Als Gemeindelied zur Predigt dürfte neben dem Wochenlied, EG 200, auch EG 295 in Betracht gezogen werden, in dem sich Gedanken zum Predigttext mit Gedanken einer bewussten- und damit nachhaltigen christlichen Lebensgestaltung verbinden.


Matthäus 13, 24 – 43

Zwei Gleichnisse aus dem großen Gleichniskapitel des Matthäusevangeliums, die bis in unsere Zeit aufgrund der Bilder, die sie verwenden, gut verständlich sind und heutigen Alltagserfahrungen entsprechen. Wer einen Garten hat, weiß, was es bedeutet, dass  Kulturpflanzen gleichzeitig mit dem „Unkraut“ wachsen (oder sprechen wir besser von Spontanflora) und schließlich überwuchert werden, wenn man nicht eingreift.
Im Gleichnis selbst ist gleich von einem ganzen Weizenacker die Rede, wo bei einem Eingriff die Kulturpflanzen ebenfalls beschädigt würden; deshalb entscheidet sich der hier angeführte Hausvater, das „Unkraut“ bis zur Ernte auf dem Acker zu belassen und erst am Ende zu trennen; das Unkraut zu vernichten und den Weizen in die Scheune zu holen. Während dieser Entwurf entsteht, verläuft gerade die erhitzte Debatte um das mutmaßlich Krebserregende Pflanzenschutzmittel Glyphosat, das ein Teil der Landwirte einsetzen möchte, vor dem die biologische Landwirtschaft aber warnt. Der Unterschied zwischen konventioneller Landwirtschaft, die ungewollte Flora mit Giften tot spritzt, gegen die die Kuturpflanzen resistent sind bzw. resistent gezüchtet wurden und der biologischen Landwirtschaft ist für Laien gut zu erkennen: Auf ungespritzten Feldern sieht man auch roten Klatschmohn- und blaue Kornblumen, Habichtskräuter und Disteln blühen und damit verbunden eine Vielzahl von weiteren Lebensformen, wie Finken und Rebhühnern, Schmetterlingen und anderen Insekten, die auf die Existenz dieser „Unkräuter“ angewiesen sind und seit den Zeiten Jesu über die Jahrtausende überleben konnten. In der fortgeschrittenen konventionellen Landwirtschaft kam es zum Einsatz von Bioziden, die hergestellt wurden, um eine ganze Industrie für so genannte Pflanzenschutzmittel zu ermöglichen und deren Auswirkung der Rückgang- und das Aussterben zahlreicher empfindsamer Arten ist. Die konventionelle Landwirtschaft und ihre Vertreter argumentieren – oft nicht ganz sachbezogen – mit der Notwendigkeit des Einsatzes dieser drastischen Mittel zur Gewährleistung der Welternährung. Der Hausvater unseres Gleichnisses wird – aus heutiger Sicht schon fast wie eine Karikatur – mit der sachlichen Entscheidung der hergebrachten- bzw. der biologischen Landwirtschaft gleichgesetzt. Auch heute wird biologisch angebautes Getreide – durch einfache Siebverfahren – gereinigt, so dass es letztlich frei ist von „Unkraut-“ Sämereien; diese Sämereien dienten in früheren Zeiten – nach dem Dreschen in den Scheunen – noch dem Federvieh als Bereicherung des Nahrungsspektrums.

Insgesamt stellt Jesus hier die Wechselwirkungen von Wachstum dar; Rückschläge sind einzukalkulieren und zu verkraften, im Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen steht der Weitblick im Mittelpunkt, der die Rückschläge zunächst in Kauf nimmt und sofort schon das angestrebte Ergebnis vor Augen hat, das durch den einmal eingesetzten Prozess unbeschädigt am Ende der Bemühungen stehen wird. Eine Darstellung, die Mut macht.
Inhalt aller Gleichnisse, so auch der Darstellung vom wachsenden Senfkorn, das am Anfang noch so klein erscheint und dann aber ein ungeahnt progressives Wachstum zeigt oder von der Frau, die etwas Sauerteig unter einen halben Zentner Mehl mengte, damit am Ende der gesamte Teig durchsäuert würde zeigen ihrerseits, wie Wachstum geschieht. Gleichnisse vom wachsenden Himmelreich, zwar nicht von dieser Welt, jedoch auf dieser Welt. Immer verbunden mit dem Aufruf Jesu, doch den Sinn zu ändern, wegen der Nähe des Himmelreiches. Für die Christenheit bedeutet das, einen Kontrast zur Gesellschaft zu bilden um erkennbar zu sein. Und dieser Kontrast enthält per se jedwede Überlegung zur Nachhaltigkeit im Lebensvollzug und im christlichen Handeln, die es bei einer Auslegung auszuführen gilt.

Uwe G. W. Hesse, Rengershausen

 

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