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Fronleichnam (15.06.17)

Fronleichnam 2017 [III/A]

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Dtn 8, 2-3.14b-16a 1 Kor 10, 16-17 Joh 6, 51-58

Fronleichnam ist ein sehr römisch-katholisches Fest. Daher ist hier zu anzumerken: der Autor dieser Predigtanregung ist ein Lutheraner, und das gern. Insofern ist mir ein leicht gebrochenes Verhältnis zu diesem Fest eigen. Aber darüber muss man nicht erschrecken, sondern darf auch gern schmunzeln. Denn ich hoffe, dass der Lutheraner, der zu Fronleichnam schreibt, womöglich anregende Verfremdungs- oder Vertiefungseffekte erzeugen kann.

Denn sehr weit sind die lutherischen und katholischen Christen in ihrem Abendmahl- und Eucharistie-Verständnis nicht auseinander. Den Lutherischen trug dies unter den Evangelischen zuweilen schon – mindestens im Scherz – den Vorwurf des „Kryptokatholizismus” ein. Gerade aber an den biblischen Traditionen, die 2017 in den Lesungen zum Fronleichnams-Fest gehört werden sollen, sieht man, dass man mit diesem Vorwurf keineswegs in eine dubiose Ecke gestellt wird. Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten tragen Eucharistie und Abendmahl eine Botschaft in sich, die gerade heute wie die paulinischen Geschwister "Ärgernis und Torheit" (1. Kor 1,23) gehört wird.

Besinnung auf die Situation

Mit dem Fronleichnamsfest ist das Materielle und Körperliche als ein Thema gesetzt. So sehr, dass Christinnen und Christen es geradezu wie eine Monstranz vor sich her tragen. So, wie sie das tun, ist damit aber auch das Thema der Gemeinschaft gesetzt, denn es wird begangen als Fest oder Feier der christlichen Gemeinde im Durchschreiten der kommunalen Gemeinde.

Das Materielle und Körperliche, also die Welt, in der und von der wir leben, war immer ein großes Thema. Seltsamerweise sind es gerade die Kirchen gewesen, die dieses Thema der Gesellschaft als „Materialismus” vorgeworfen haben. Man wird also darauf achten müssen, was jeweils damit gemeint sein soll, wo eine wohltuende Art der Zuwendung zum Materiellen zu bemerken ist und wo uns die Dinge entgleiten, gerade indem wir sie auf verquere Weise zum Thema machen.

Ein Beispiel: Fitness-Clubs sind heute gar nicht mehr wegzudenken. In einer Welt, in der viele Menschen in sitzender und also bewegungsarmer Haltung ihren Lebensunterhalt verdienen, sind sie eine Wohltat und ein notwendiger Ausgleich. Zugleich ist zuweilen darin ein Zwang und etwas ganz Unentspanntes zu beobachten: Fitness ist – wie das dazu passende slim-fit-Hemd – ein modisches Accessoire geworden, das dafür steht, dass man sein Leben im Griff hat, Verantwortung für sich zeigt, seinen Nächsten nicht alles zumuten will und überhaupt ein ganz agiler Mensch ist. Dabei können diese Dinge etwas miteinander zu tun haben, sie müssen es aber nicht.

Ein anderes Beispiel: Heilung und Gesundheit stehen ebenfalls ganz oben auf der Tagesordnung vieler Menschen. Viele Menschen möchten vorsorgen, viele Menschen haben körperliche Einschränkungen und Schmerzen hinzunehmen. Nicht nur die hohen Kosten unseres Gesundheitssystems, sondern auch viele alternative Heilangebote belegen dies. Es findet eine Abkehr von der "Schul-Medizin" oder besser: Evidenz-basierten Medizin statt. Man möchte fast sagen: mehr Glaube war nie. Viele Menschen haben offenbar Probleme damit, sich bei einem klassischen Arzt mit ihrem Leiden wahrgenommen zu fühlen.

Schließlich etwas ganz anderes, aber doch auch wieder diesen Themen Nahes: in Schleswig-Holstein ist lange Zeit ein Gottesbezug in der Landes-Verfassung diskutiert worden. Die großen Kirchen, Juden und Muslime haben dazu einmütig eine gute Debatte angestoßen. In der Diskussion ist immer wieder vonseiten der Kritiker erklärt worden, der Glaube gehöre nicht in das politische Leben, sondern sei Privatsache. Warum nun das, was einen im Innersten berührt, in das stille Kämmerlein gesperrt werden soll und nicht gesellschaftlich und leiblich werden darf, bleibt unbeantwortet. Wie die Existenz von Diakonie, Caritas, Miserior und Brot für die Welt erklärt werden soll, ebenso. Offenbar wird der Glaube als ein Vorgang innerer Gestimmtheit wahrgenommen, der aber nichts verändern soll oder sichtbar werden darf. Das wäre dann in der Tat mal ein Moment, in dem man eine Monstranz durchs Dorf tragen kann. Allein schon aus Protest.

Dtn 8, 2-3.14b-16a

Der Text der 1. Lesung ist ein Ausschnitt aus der Mose-Rede, von der man mindestens das gesamte Kap. 8 wenn nicht schon im Gottesdienst vorlesen, so doch beim Predigen beherzigen sollte.

Man könnte denken, dass der Text dazu anhalten will, die leiblichen Dinge für zweitrangig zu halten. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein (Dtn 8,3). Mt 4,4 zeigt aber, dass das Materielle dann eine Gefahr darstellt, wenn es „verabsolutiert”, d.h. ohne den Bezug zu seinem Schöpfer gesehen wird. Das Brot ist mir dann ein Lebensmittel, wenn ich mit Freude feststellen kann, dass es gut schmeckt, meinen Magen füllt und meine Gesundheit erhält. Der wahre Genuss entfaltet sich dann, wenn man in die Mahlzeit mit einbezieht, woher all dies kommt. V. 17f. legen dies noch mal für all das aus, was wir schaffen: einsam ist der, der alles sich selbst zuschreibt und nicht genießen kann, dass Gott ihm dies gegeben und ihm einen Bund geschworen hat.

Unter diesen Vorzeichen ist zu verstehen, dass es in diesem Text um lauter materielle Dinge geht: um den Hunger und das Manna, um Bäche und Seen, um Weizen und Granatäpfel, auch die geschwollenen Füße sollten wir nicht unterschlagen. Wir sollen diese Dinge nicht kleinreden, sondern hochhalten, denn es ist unsere Welt und um unsertwillen macht sich Gott dies alles in seiner Kleinteiligkeit zum Anliegen.

Eine Predigt zum nachhaltigen Lebensstil sollte daher solche Schöpfungsgaben nicht als vorletzte Dinge kleinreden, sondern gerade dadurch adeln, dass es sie wie in Dtn 8 zu Gott in Beziehung setzt. Dies ist dann auch die Pädagogik des Abendmahls/der Eucharistie: weil wir in unseren fünf Sinnen leben, und eben nicht in einem sechsten Sinn, redet Gott zu uns durch schlichtes Brot und Wein, worin er sich mit einem Wort zu verstehen gibt. Damit ist auch der Raum des Gestaltens unseres Glaubens beschrieben.

Joh 6, 51-58

Die Geschichte vom Speisungswunder nimmt ihren Anfang mit einer Sorge Jesu: „Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben?” (Joh 6,5). Diese Frage sollte man stehen lassen, denn die Sorge wird im weiteren Text nicht für falsch erklärt, wohl aber die Frage nach dem Brot in ein Verhältnis gesetzt.

In der Tat zieht sich das Motiv des Essens und Trinkens durch den weiteren Text und schließlich gegen Ende dramatisch zugespitzt. Eine, wie einige Jünger meinen, harte Rede, die man kaum hören kann (Joh 6,60). Die gottesdienstliche Gemeinde an diesem Tag wird dieses Jünger-Urteil sicher nicht unverständlich finden. In Dtn 8 lernte man, dass, wer das Brot richtig genießt, immer auch schmeckt, dass Gott einem gerade wohl tut. In Joh wird dies radikalisiert: Gott tut nicht nur wohl, sondern er setzt für uns alles auf eine Karte. Dass Gott sich selbst gibt, ist das eigentlich harte an der Rede.

Geradezu refrainartig zieht sich durch das gesamte Kap. 6 das Versprechen des ewigen Lebens und der Auferweckung am Jüngsten Tag. Dazu gehört dann freilich mehr als bloß der Genuss eines Brotes und eines Getränks. Hier geht es um eine Bewegung der gesamten Existenz und allen Fühlens, Denkens und Wollens, die uns in ein anderes Leben versetzen.

Damit ist aber auch gesagt, dass wir in einem Zeithorizont leben und eben nicht im Hier und Jetzt aufgehen. Damit ist zugleich gesagt, dass wir zum Leben bestimmt sind. Etwas elementarisiert kann man in der Sprache der Nachhaltigkeit sagen: es geht um das Leben heute und das Leben in der Zukunft. Wenn wir heute in das Brot beißen und konsumieren, sollen wir wissen, dass es auch in Zukunft so sein soll. Das ist, wie immer in Glaubensdingen, eine Verheißung und ein Anspruch. Es ist ein freundlicher Himmel, unter dem wir leben. Und wir sollen so leben, dass möglichst viele diesen freundlichen Himmel heute und morgen erfahren können.

1 Kor 10, 16-17

1. Kor 10 befasst sich nicht damit, was auf dem Tisch liegt, sondern wer am Tisch sitzt. Möglicherweise wird der leicht muffige Begriff „Tisch- oder „Mahlgemeinschaft“ gar nicht mehr gut verstanden, wenn das heutige Leben die Familien oder Paare zum ungleichzeitigen Leben zwingt oder auch sonst kein Interesse besteht, jedenfalls eine Mahlzeit am Tag gemeinsam einzunehmen. Man wird darauf achten müssen, dass das geradezu institutionalisierte, regelmäßige und gemeinsame Essen aus den Familien nicht mehr so vertraut ist.

Das gemeinsame Mahl ist nicht nur Bekenntnis, indem ich mich nämlich durch mein Kommen zu einer Gemeinschaft verhalte, sondern es schafft auch etwas: ich weiß, wem ich das Essen zu verdanken habe. Ich werde in eine Gemeinschaft mir ehemals wildfremder Menschen gestellt, die alle diesem Ruf gefolgt sind. Sie werden nicht uniformiert, sondern sie bleiben als ein einziger Leib – viele! Aber die Tischgäste spüren auch, dass diese Gemeinschaft sie dazu einlädt, nicht noch von anderer Herren Tische zu naschen. Paulus nennt das Götzendienst – heute ist es leicht, ähnliche götzenhafte Strukturen zu identifizieren.

„Niemand is(s)t für sich zu allein“. Diese Kampagne von „Brot für die Welt“ spricht von der Tischgemeinschaft und ihrem Charakter als dem anbrechenden Reich Gottes, gibt aber auch vielfältige Hinweise, wie verwickelt wir sind in die komplexen Agrastrukturen dieser Welt: vom Landraub in Afrika zum Soja-Anbau in Südamerika oder dem Palmöl aus Indonesien usw.. Auch an Fronleichnam muss nicht verschwiegen werden, dass unsere Ernährungskultur und –branche auch Ungerechtigkeit erzeugt. Die Einladung Gottes, in Vielfalt das eine Mahl und die täglichen Mahlzeiten zu genießen gilt. Dass alle Menschen solche Einladung tatsächlich erreicht und sie den gedeckten Tisch erleben können, dafür freilich müssen wir etwas tun.

Dr. Thomas Schaack, Kiel

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