wieviel

Trinitatis / Dreifaltigkeitssonntag (11.06.17)

Trinitatis / Dreifaltigkeitssonntag 2017 [III/A]

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Jes 6, 1-13 Ex 34, 4b.5.-6.8-9 2 Kor 13, 11-13 Joh 3, 16-18

Die Autorin betrachtet eingehend den Predigttext der EKD Reihe und bindet am Schluss die Texte der katholischen Lesungen und des Evangeliums kurz ein. Sie lässt sich dabei von dem Lobpreis in Jes 6,3 leiten, in dem Gottes Heiligkeit als etwas erscheint, das die Erde ganz und gar durchdringt. Weise Bündnisse und kluge politisch-wirtschaftliche Entscheidungen der Menschen, welche Tiere und Menschen achten, würden dazu beitragen, das Da-Sein Gottes in allem zum Leuchten zu bringen.

Jes 6,1-13

Exegetische Hinweise

Der Text wird häufig als Vermächtnis des Propheten selbst betrachtet (als Teil der sog. „Denkschrift“ Jes 6,1 -9,6), was jedoch nicht unumstritten ist. Die „Denkschrift“ widerspiegelt in jedem Fall die Krisenzeit, in der Jesaja tätig war und macht deutlich, wie der Prophet darauf reagiert hat. Jesajas Berufungsgeschichte ist insofern speziell, als sie nicht am Anfang der Schrift steht. Zudem bittet er selber darum, gesendet zu werden. Der göttliche Auftrag ist klar umrissen und zeitlich begrenzt. Zuvor hat Jesaja eine Theophanie. Er nimmt Gott mit seinen ganzen Sinnen wahr (Sehen, Stimmen, Beben, Rauch). Gott nimmt gewissermassen innerlich Besitz von ihm; Jesaja erfasst mit Haut und Haar den Dienst, in den er sich stellen wird. Eine spezielle Rolle spielen dabei die sechsflügeligen Serafim, die über dem Ewigen stehen. Dabei handelt es sich nach Ausweis archäologischer Funde wohl um schlangenartige Mischwesen mit Feueraspekt (von hebr. saraf brennen, verbrennen). Erst später wurden diese mit Engeln identifiziert. Sie bezeugen einerseits die umfassende Heiligkeit Gottes (dreifaches „Heilig“) und reinigen Jesaja von Schuld. Der Aspekt des Feuers könnte zudem auch als Gerichtszeichen für die kommende Verwüstung und Verödung des Landes zu verstehen sein. Neben der alles durchdringenden Heiligkeit käme dadurch auch die dunkle, zerstörerische Kraft Gottes zum Ausdruck.

Das neuassyrische Grossreich: Taktik verbrannter Erde

Das neuassyrische Grossreichs dehnte sich im 8. Jh. v. Chr. mit gewaltiger militärischer Stärke und Brutalität aus. Dabei spielte die Kontrolle der Routen zum Mittelmeer eine zentrale Rolle. Eroberte Gebiete sollten eng an das zentralistische Staatswesen angebunden werden. Bei Widerstand praktizierten die Assyrer die Taktik verbrannter Erde (siehe Jes 1,7: „Euer Land ist eine Wüste, eure Städte im Feuer verbrannt“). Angesichts dieser bedrohlichen Expansion verbünden sich einige Fürstentümer. Die Grenze des Reiches schiebt sich im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts auf das südliche Syrien und Israel zu, so dass sich auch der aramäische (syrische) König und der israelitische (ephraimitische) König zusammenschliessen und gegen Juda ziehen, um jenes kriegerisch zu zwingen, der Koalition beizutreten. Ahas, der König von Juda, fürchtet die Konsequenzen eines antiassyrischen Bündnisses. Stattdessen bittet er die Assyrer um Hilfe gegen die Koalition und unterwirft sich dadurch Assur ganz und gar. Zugleich anerkennt er damit auch den Gott Assurs. Die Assyrer nutzen die Gelegenheit zu einer grundlegenden Flurbereinigung.

In diesem Konflikt schlägt die Stunde für Jesajas Interventionen.

Jesajas Himmelfahrtskommando

Jesaja ist um seinen göttlichen Auftrag nicht zu beneiden: Er kann dem Volk keine Botschaft der Hoffnung bringen. Stattdessen soll er die katastrophale Wirkung eines Kreislaufs von militärischer Aufrüstung und Bündnisstrategien ankündigen: Totale Verwüstung durch Krieg, Tod und Deportationen; die Städte werden völlig verödet sein und das Fruchtland zur Wüste werden. Selbst wenn irgendwo noch etwas spriessen sollte, so wird auch dieses, vielleicht von herrenlosen Ziegen, abgefressen werden. Doch niemand wird seinen kassandrischen Ruf verstehen wollen, ganz im Gegenteil. Das Volk wird sich verstocken und nicht hören wollen. Jesaja ist die politische Patt-Situation Ahas bewusst. Statt politisch-militärisch die Spirale hochzuschrauben, wird Jesaja jedoch zur Gelassenheit mahnen und in Gott ruhig zu bleiben. So paradox vertrauensvoll sprechen kann lediglich jemand, der das Göttliche so tiefgreifend erfahren hat wie Jesaja.

Die Katastrophe trifft tatsächlich ein: Assyrien nimmt 732 v. Chr. Damaskus ein. In Samaria wird ein Herrscher eingesetzt, der Assur ergeben ist. Das Nordreich Israel wird zu einem Rumpfstaat Ephraim reduziert. Ahas von Juda und Hosea von Israel mussten hohe Tributleistungen an das assyrische Grossreich leisten.

 

Aspekte der Nachhaltigkeit

  • Die beschriebene Verwüstung lässt Bilder von heute aufsteigen: Zerbombte syrische Städte etwa, oder Geisterorte wie Tschernobyl oder Fukushima, die durch nukleare Katastrophen entstanden sind. Sie erinnert auch an die Verödung in Gebieten, in denen Edelmetalle wie Gold abgebaut werden und dabei – oft auf dem Land indigener Völker – fruchtbares Land in Mondlandschaften verwandelt wird.
  • Welche Bündnisstrategien führen heute zu Katastrophen? Wo gehen Politiker/innen, Behörden etc. Kompromisse ein und machen sich von fremden Interessen abhängig, die für Mensch und Umwelt verheerend sind?
  • Nach Jesaja hat das Volk vor allem das Da-Sein Gottes in allem vergessen, so wie es im Lobpreis der Serafim aufscheint: Die Fülle der ganzen Erde ist seine Herrlichkeit (Jes 6,3c). In seiner Schrift Die Vorsehung schreibt Huldrych Zwingli im Jahr 1530: „… nichts ist, was nicht die Gottheit ist; denn diese ist das Sein aller Dinge.[1] Das Tun der Menschen auf der Erde kann daher nicht als etwas von Gott Abgetrenntes aufgefasst werden, sondern steht in Relation mit seiner alles durchdringenden Heiligkeit. Vermindert sich der Glanz Gottes durch verseuchte Böden, ausgerottete Tier- und Pflanzenarten? Oder umgekehrt: Leuchtet sein Glanz umso prachtvoller, wenn die Menschen politisch-wirtschaftliche Angstspiralen durchbrechen, die Fülle der Erde bewahren, spielende und genährte Kinder sich tummeln und Orte des friedlichen Zusammenlebens verschiedener Kulturen gepflegt werden?
  • Taube Ohren, blinde Augen, verstocktes Herz: Man würde meinen, dass manche Erkenntnisse rasch zu einem neuen Verhalten führen sollten. Beispiel: Durch den zügellosen Einsatz von Antibiotika in der Tiermast breiten sich multiresistente Keime rasend schnell aus. Hauptproblem sind (in der Schweiz) nicht mehr die Spitäler, sondern die Nahrungsmittelkette, denn die Keime übertragen sich vom behandelten Tier auf die Menschen. In der Schweiz wird eine Kuh pro Jahr durchschnittlich einmal mit Antibiotika behandelt. In der Kälber-, Hühner- und Schweinemast werden Antibiotika auch routinemässig eingesetzt. Eine Veränderung im Erbgut kann zur Folge haben, dass alle verfügbaren Antibiotika versagen und Menschen in Zukunft wieder an einer einfachen Infektion sterben können. Will das jemand verstehen, der mit der Tiermast und Fleischindustrie Geld verdient? Wer hat Einsicht, sein Essverhalten und seinen Konsum zu ändern und damit Druck auf die Verantwortlichen zu machen?

Ex 34,4b.5-6.8-9: Ökologische Sünden und falsche politisch-soziale Weichenstellungen treffen – manchmal ausschliesslich - die Nachfolge-Generationen. Wenn, wie oben ausgeführt, Gottes Glanz auch von unserem Wirken auf Erden abhängig ist, so kann der strafende Gott, der die Schuld heimsucht an Söhnen und Enkelinnen, daraufhin gedeutet werden: als langlebige Folge falscher Entscheidungen und Entwicklungen. Moses bindet sich in seiner Bitte an Gott an den Urgrund: Gottes Eigentum und Geschöpf zu sein, trotz aller Verfehlungen. In 2 Kor 13,11-13 kommt diese alles erfüllende Heiligkeit in der christlichen Gemeinde zum Ausdruck. Dabei wird eingeräumt, dass die Christus-Gläubigen ihre falschen Ausrichtungen korrigieren können, dass sie hören und begreifen und nochmals neu anfangen können, um im Sinne Christi leben. Joh 3,16-18 betont den göttlichen Willen, diese Welt nicht verderben zu lassen, sondern zu retten.

Sara Kocher, Zürich


[1] Huldrych Zwingli, Die Vorsehung (1530) in: Schriften, Bd. IV., Theologischer Verlag Zürich, 1995, S. 159

Nach oben