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Judika / 5. Fastensonntag (02.04.17)

Judika / 5. Fastensonntag [III/A]

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
1 Mose 22, 1-13 Ez 37, 12b-14 Röm 8, 8-11 Joh 11, 1-45

Eine andere Welt ist möglich – und nötig
Gedanken zu 1 Mose 22,1-13; Ezechiel 37, 12b-14; Röm 8, 8-11; Joh 11,1-45

Es sind nun auch schon wieder einige Jahre her, dass sich junge Menschen aller Länder zu „Welt-Sozialforen“ trafen und mit ihrem Motto „Eine andere Welt ist möglich“ weltweit für Aufsehen sorgten. Leider ist es, zumindest in den herrschenden Medien, wieder stiller geworden um diesen jugendlichen Aufbruch.

Liegt es „in der Natur“ der Sache, dass solche Aufbrüche meist rasch wieder abflauen? Weil die Welt nun mal so ist, wie sie ist, und eine andere Welt Utopie (u topos – ohne Ort) bleibt, da wir nur diese Welt hier haben, und zwar halt so, wie sie nun mal ist?


Verstrickt in dem, was ist
Das anti-utopische Denken, das Sich-Begnügen mit dem, was ist, schlägt uns heute auf fast jeder Zeitungsspalte entgegen. ‚Politik des Machbaren‘ wird dieses Denken genannt. Deshalb gibt es keine verbindlichen Massnahmen zum Schutz des Klimas, deshalb lässt sich die Agrarpolitik nicht ändern und der Hunger nicht bekämpfen, und zur kapitalistischen Wirtschaft gibt es eh keine Alternative.

Die heutigen Bibelstellen sprechen eine andere Sprache. „Die im Fleisch sind, können Gott nicht gefallen“, mahnt Paulus die Gemeinde in Rom. Unter Fleisch (sarx) versteht er die Verhaftung in einem System des Widergöttlichen mit all den daraus folgenden Taten. Fleisch bezeichnet alles, was als Richtschnur jenseits von Gott Macht über den Menschen gewinnt. Fleischlich denken meint: in einem System leben, das Leben behindert oder gar verunmöglicht. Ganz anders als die Tora, die als gute Ordnung Gottes Leben ermöglichen will. An die Stelle der Tora des Lebens setzt der, der nach dem Fleisch lebt, die Tora der Sünde, den Verstoss gegen die Gemeinschaftsgerechtigkeit Gottes.

Der Geist aber ist Leben, heisst es dagegen bei Paulus. Er schafft neues Leben, richtet Bedrückte auf und ermöglicht den Willen Gottes zu tun, wie er in der Tora steht.
Der Prophet Ezechiel spricht vom „Odem Gottes“, der uns wieder lebendig macht, uns aus den Gräbern befreit, die wir uns selbst geschaufelt haben, in denen wir uns selbst gefangen halten. Wie aber erreicht uns der Odem Gottes? In der Geschichte der Auferweckung des Lazarus finden wir den Schlüssel dazu. Im Mittelpunkt der Perikope steht die Frage Jesu an Martha: „Ich bin die Auferstehung und des Leben. Wer an mich glaubt, wird leben. Glaubst Du das?“ Und Martha antwortet: „Ja, ich glaube.“ (25f)


Der Glaube sprengt Fesseln und Gräber
Dies ist der Wendepunkt der Geschichte: der Glaube, der den Tod überwindet. Der Glaube, der den Geist beflügelt, der uns aus dem „sarx“, den Strukturen der Sünde, befreit, die Gräber sprengt und Abraham, Isaak und ihren Nachkommen ein Leben in Fülle verheisst.

Der Glaube daran, dass das, was ist, nicht alles ist. Dass jenseits dessen, was ist, neues Leben möglich ist.

Karl Barth sagt in seinem Römerbriefkommentar vom Geist: „Der Geist ist nie romantisch-konservativ. Der Geist nimmt die Verhältnisse nicht so, wie sie sind. Der Geist hat nicht Interesse an der Erhaltung des Bisherigen, des Bestehenden, sondern an seiner Verwandlung und Neugeburt.“

Da, wo dieser Geist wirkt, da wird diese Neugeburt möglich – im Einzelnen und als Gemeinschaft, ekklesia. Diese ist dazu da, den erneuernden Geist zu leben. Eine Keimzelle einer neuen, Leben ermöglichenden Ordnung und ein praktizierter Gegenentwurf gegen die herrschende Ordnung – sagt Paulus an die Adresse der damaligen Gemeinde in Rom. Und an unsere Adresse heute. Weil eine andere Welt doch möglich ist. Glauben wir das?

Simon Spengler, Kath. Kirche Kanton Zürich

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