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Okuli / 3. Fastensonntag (19.03.17)

Okuli / 3. Fastensonntag [III/A]

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mk 12, 41-44 Ex 17, 3-7 Röm 5, 1-2.5-8 Joh 4, 5-42

Der Verfasser betrachtet alle Perikopen der evangelischen und katholischen Leseordnung. Während sich der evangelische Predigttext direkt einer Auslegung unter den Aspekten des Konziliaren Prozesses der Kirchen - Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – empfiehlt, bieten ihm die „katholischen“ Schrifttexte zunächst keine Ansatzpunkte für nachhaltiges Predigen. Dem zweiten Blick erschließen sich aber Stichworte und Themen, die sich für eine Auslegung unter nachhaltigen Aspekten öffnen.

Mk 12, 41-44: Das Opfer der Witwe – Urvertrauen in Gott

1.    Exegetische Hinweise
Die Perikope steht am Ende einer Reihe von Streitgesprächen mit den Schriftgelehrten, Pharisäern und Sadduzäern, danach folgt die Wiederkunftsrede und schließlich die Passion. In den Streitgesprächen geht es um Kerninhalte der Verkündigung Jesu: die Auferstehung der Toten, das größte Gebot, die Messiasfrage. Unmittelbar vor unserer Erzählung, die ein gleichnishaftes Lehrwort ist, warnt Jesus vor den Schriftgelehrten. Der „Gotteskasten“, in den die Reichen und die arme Witwe ihr Geld hinein werfen, dient dem Unterhalt des Tempels, der „Wohnstatt Gottes“.


2.    Theologische Impulse
Jesus zeichnet den Kontrast sehr deutlich: Die Reichen legen viel in den „Gotteskasten“, die arme Witwe – ihre Armut wird dreimal betont! – aber nur „zwei Scherflein“, zusammen: „einen Pfennig“. Weniger geht kaum noch. Und doch sagt Jesus: „Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben.“ Die Reichen haben nur von ihrem Überfluss gegeben, die Witwe „ihre ganze Habe, alles was sie zum Leben hatte.“ Die Bibel in gerechter Sprache verdeutlicht: „Damit hat sie ihr ganzes Leben Gott anvertraut.“

Die Witwe zeigt eine Selbstvergessenheit, die ganz aus der Erfahrung einer großen Liebe erwächst. Sie weiß sich und ihr ganzes Leben in der Liebe Gottes getragen, ja aufgehoben. Aus einer solchen Geborgenheit heraus kann man alles geben. Es ist die Haltung eines Glaubens, der Gott ganz vertraut, ohne Rückversicherung. Aus der eigenen Ohnmacht heraus, die um die eigene Bedürftigkeit, um die Gottesbedürftigkeit weiß, öffnet sich die Witwe ganz der Zuwendung Gottes, die Leben schenkt und lebendig macht. Jesus zeigt die Witwe als Beispiel, wie man glauben – und lieben soll.

Die Schriftgelehrten dagegen, die Berufsfrommen, kommen nicht gut weg. Sie gehen „gern in langen Gewändern … und lassen sich auf dem Markt grüßen und sitzen gern obenan in den Synagogen und am Tisch beim Mahl.“ Die Demut der Ohnmacht und der Hochmut der Mächtigen werden scharfkantig gezeichnet. Wer selbst mächtig ist, braucht keine Hilfe, ist nicht bedürftig, auch nicht Gottes bedürftig. „Während die Welt die Reichen ehrt, ehrt Gott die Armen.“  Aber es kommt noch schlimmer: „… sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden ein umso härteres Urteil empfangen.“ Jesus verurteilt die Herzenshärte, die unbarmherzige und menschenverachtende Gier nach Reichtum.  


3.    Nachhaltigkeitsaspekte
Am Stichwort Überfluss können Aspekte der Nachhaltigkeit sichtbar gemacht werden. Viele Menschen geben von ih-rem Überfluss ab. Es geht aber um gerechtes Teilen der Lebensressourcen und Lebenschancen, die auf unserer Welt so ungleich verteilt sind. Die Kritik an den Schriftgelehrten ist Kritik an unserem Lebensstil und der kapitalistischen Wirtschaftsweise, an den zum Himmel schreienden Besitzverhältnissen in unserer Welt, an Formen menschenverachtender Ausbeutung und – auch unter ökologischen Gesichtspunkten – gewissenslosen Raubbaus an den allen gehörenden Gütern dieser Erde. Die westliche Welt, das sind 20 % der Weltbevölkerung, verbraucht 80 %  aller Rohstoffe unseres Planeten. „Ich bin reich, weil du arm bist.“ Das ist noch nicht ins Bewusstsein vieler Menschen eingedrungen.

Eine gerechte Weltwirtschaftsordnung ist Aufgabe der Politik. „Wir können ja doch nichts tun“, sagen viele. Das ist eine vorschnelle und sich selbst entschuldigende Kapitulation. Es gibt die Möglichkeit politischer Einflussnahme über Partei-en und Initiativen. Wir können unseren eigene Lebensstil hinterfragen: Wieviel ist genug? Ist Verzicht möglich und angemessen, damit diese wunderbar vitale und kreative Welt auch künftig leben kann, und die Generation nach uns genügend Lebensressourcen hat? Was brauche ich an Gütern? Welche kann ich kaufen und damit gerechtere Wirtschaftsstrukturen unterstützen? Nutze ich die Möglichkeit des fairen Handels? Gibt es in unserem Pfarrheim regionale Bio- und Fair-trade-Produkte?

Vom Überfluss zu geben, ist vielleicht nicht schwer. Es beruhigt zudem das Gewissen. Vielleicht hilft uns ein Blick auf die Witwe, die „ihren ganzen Lebensunterhalt“ gegeben hat. Das verlangt niemand von uns. Aber die Haltung, die in die-sem Geben drin ist, dieses radikale Urvertrauen auf Gott, den Freund und Liebhaber des Lebens, der will, dass wir leben und unser Leben gelingt, ist womöglich Voraussetzung dafür, mehr als nur vom Überfluss geben zu können, um ein Stück verwandelndes Erbarmen in unserer Welt einzubringen.


Ex 17, 3-7: Wasser aus dem Felsen – Göttliche Fürsorge


1.    Exegetische Hinweise
In die priesterschriftliche Rahmenerzählung „des wandernden Volkes Gottes“ durch die Wüste ist die jahwistische Er-zählung von der „Wasserspende“ eingefügt. Sie ist mit den Orten Massa und Meriba verbunden und will deren Namen erklären: Meriba als „Ort des Streites“ (mit Gott) und Massa als „Ort der Versuchung“ (Gottes).

2.    Theologische Impulse
Hier will das Volk Wasser, aber nicht freundlich wie Jesus am Jakobsbrunnen des Johannesevangeliums, sondern hart und fordernd, ja drohend: Willst du uns verdursten lassen? Sie sehnen sich zurück nach Ägypten, an die Fleischtöpfe und Wasserquellen der Sklaverei (Ex 16, 3). „Was soll ich mit diesem Volk anfangen? Es fehlt nur wenig, und sie steinigen mich“, schreit Mose zu Jahweh (17, 4). Die Israeliten stellen ihren Gott auf die Probe (17, 7). Jahweh geht aber auf sie ein und gibt ihnen Wasser. Das Wasser aus dem Felsen wird zum Urbild, Typos der Quelle, die ins ewige Leben sprudelt (Joh 4, 14). Gott ist der Ursprung, Urquell des Lebens. Er ist wirklich in der Mitte seines Volkes, seine Lebensmitte, aus der heraus es lebt. Nach rabbinischer Auslegung zieht der Felsen mit dem Volk bis ins gelobte Land, „in dem Milch und Honig fließen“ (Ex 33, 3). Gott ist barmherzig und gnädig, er sorgt für sein Volk ganz konkret, hier und heute, er ist der „Gott des Bundes, der seinem Volk Land und Lebensqualität, Familien und Alterssicherung, genug zu essen und eine feste Heimat verspricht, und das Ganze gerecht und gnädig“ (Heike Miller). Er will, dass Israel lebt und stellt ihm die dafür notwendigen Lebensressourcen zur Verfügung. Er gibt nicht einfachhin nur Wasser, er gibt von sich selbst, von seinem göttlichen Leben. Er teilt sein Leben mit uns. Ein Bild für das eucharistische Geheimnis.

3.    Nachhaltigkeitsaspekte
Das Murren der Israeliten zeigt: Mit einem leeren Magen lässt sich´s schlecht über Gott debattieren. Oder wie Brecht es sagte: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“. Die Grundbedürfnisse zu befriedigen, das Lebensrecht der Menschen zu sichern mit Wasser und Brot, ist sicher das Erste, was getan werden muss, um die Lebensbedingungen der Ärmsten auf unserem Planeten zu verbessern. Nach UN-Studien haben 800 Millionen Menschen nicht genug zu essen. Das sind immer noch erschreckend viele. Sie leiden aufgrund der Klimakatastrophe, aber auch Kriege sind Ursache von Hunger. Und so kommt es zu Flüchtlingsströmen, auch hierher nach Europa. Wir dürfen diesen Menschen die Hilfe nicht verweigern. Menschenrechte sind unteilbar. Wenn wir sie anderen verweigern, stellen wir sie für uns selbst in Frage. Wie Jahweh sein Leben mit seinem Volk teilt, sind wie aufgefordert, unsere Ressourcen, dazu gehören auch schützende Rechtsstrukturen, mit den Flüchtenden und den Armen zu teilen.

Mit der Erde hat uns Gott in seiner Fürsorge alles übergeben, was wir zu einem „Leben in Fülle“ (Joh 10, 10) brauchen. Es liegt an uns, die Verteilung der Güter nach Kriterien von Recht und Gerechtigkeit vorzunehmen. Das heißt teilen, nicht nur mit den anderen Menschen, sondern mit der ganzen Schöpfung. Ich bin ein Potential mit meinen kreativen und intellektuellen Kräften, die ich für das (Über-)Leben unserer Welt einsetzen kann, ja muss. Wir müssen unsere materiellen und intellektuellen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Kapazitäten in weit stärkerem Ausmaß als bisher dafür einsetzen, dass dem Klimawandel Einhalt geboten und die Erwärmung der Erde auf ein erträgliches Maß begrenzt wird. Auch die Ausplünderung der Welt durch die Industrienationen des Westens muss gestoppt werden. Das kapitalistische „unmoralische Fressen“, das keine Grenzen kennt, zerstört die Grundlagen des Lebens auf unserem Planeten. Die Abholzung der Tropenwälder, der Lungen der Erde, hat ihre Ursache in unserem Verlangen nach Fleisch, Agrartreibstoffen und Tropenholz. Um die steigende Nachfrage zu bedienen, werden ständig neue Flächen benötigt, für Tierzucht und Plantagenwirtschaft. Notwendig sind Grenzen des Konsums, weniger ist mehr, Lebensqualität ist nicht gleich Lebensquantität. Wieviel ist genug?

Das Murren des Volkes und sein Sehnen zurück an die Fleischtöpfe der Unfreiheit, zeigt die Bedrohtheit von Freiheit. Freiheit ist kein Spaziergang oder Honigschlecken. Sie muss ständig neu errungen werden. Sie hat einen Preis, der schmerzlich sein kann. In den vergangenen Monaten ist uns bewusst geworden, dass auch der demokratische Staat mit seiner freiheitlichen Verfassung, die Würde und Menschenrechte garantiert, seine Selbstverständlichkeit in Europa, aber auch in der deutschen Bevölkerung verloren hat. Der Staat mit seinen die persönliche Freiheit schützenden Institutionen wie Gewaltenteilung, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, staatlichem Gewaltmonopol und Parlamentarismus verliert beängstigend an Autorität. Menschengruppen werden abgewertet und ausgegrenzt, selbst Antisemitismus wird hoffähig. Christen sind aufgerufen, immer wieder neu für Freiheit, Toleranz und Menschenrechte einzutreten – leidenschaftlich, gewaltfrei und konsequent. Die Kirche ist eine weltumspannende, alle Völker umfassende Organisation. „In der Kirche gibt es keine Ausländer!“ Ihr allein geht es bedingungslos und uneigennützig um die Menschwerdung jedes einzelnen Menschen. Wer, wenn nicht sie mit der menschenfreundlichen Frohen Botschaft Jesu Christi, ist dazu berufen und fähig, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit immer wieder neu zu proklamieren und zu gewährleisten?


Röm 5, 1-2.5-8: Frieden mit Gott durch Jesus Christus


1.    Exegetische Hinweise
In den Kapiteln 3 und 4 legt Paulus seine Lehre von der Rechtfertigung dar, jetzt schreibt er von denen, die sie erfahren haben: Apostel und Gläubige. Sie haben „Frieden mit Gott durch Jesus Christus“, „Zugang zu der Gnade“, „Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes“, sind finden Versöhnung und Rettung im Gericht. Weitere Stichworte sind Ausdauer, Geduld, Bewährung in der Bedrängnis.

2.    Theologische Impulse
„Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus“ – Vers 1 unserer Perikope ist zugleich der Schlüsselsatz. Wir können uns nicht selbst gerecht sprechen, wir brauchen jemanden von außen, der das kann und tut. „Gerecht aus Glauben“ - Gott allein kann es, er tut es in und durch Jesus Christus, der „für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (5, 8).

Gerecht aus Glauben haben wir Frieden. Frieden setzt Versöhnung voraus. Christus versöhnt uns mit Gott, mit uns selbst, mit den Mitmenschen – mit der Welt. Diese Versöhnung ist Gnade, Gabe und Geschenk. Und dieser Friede heißt: Ich darf sein, Du darfst sein, jeder Mensch, alles was lebt, die ganze Schöpfung darf sein! Vorbehaltlos liebt Gott, der Liebhaber des Lebens, und versöhnt alles miteinander, damit Mensch und Welt gerettet wird.

Offen für dieses Geschenk des Friedens können wir vertrauen - Gott, aber auch Menschen. Fehlendes Vertrauen bringt Misstrauen, Misstrauen letztlich Hass hervor. Und Hass führt zu Gewalt, die verletzt, kaputt macht und vernichtet, womöglich mich selbst. Vertrauen aber öffnet mich der Zuwendung Gottes. Im Licht der göttlichen Zuwendung können wir unser Leben gestalten. Aus der Erfahrung inneren Friedens –  Ich bin, ich darf sein, ich bin geschützt! – kann ich aus mir heraustreten, mich anderen zuwenden, mich ihnen öffnen, ihnen vertrauen. Ich kommuniziere, teile, teile mich mit, im Teilen geschieht communio, Gemeinschaft mit dem anderen. Ich teile mit den anderen das Leben – und es blüht und wächst. Aus der Erfahrung dieses inneren Friedens, der seine Wurzeln im Innern Gottes selbst hat, ist auch Feindesliebe, Entfeindungsliebe möglich: „Ich aber sage euch: Liebt Eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5, 43).

Die Erfahrung des Friedens schenkt uns eine Hoffnung. Eine Hoffnung, die „nicht zugrunde gehen“ (5, 5), nicht resignieren lässt: Wir geben nicht auf! „Das Boot zu verlassen, ist nicht erlaubt“. Denn „die Liebe Gottes ist ausgegossen in unseren Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (5, 5).

3.    Nachhaltigkeitsaspekte
Ansatzpunkte für eine nachhaltige Predigt sind Versöhnung und Frieden. Wie kann man Versöhnung und Frieden in unserer Gesellschaft fördern? Nur einige Stichworte:

  • Immer noch die Herausforderung Nr. 1: Die Überwindung von Hunger und himmelschreiender Armut, das Schließen der auseinanderstrebenden Armutsschere weltweit – auch in unserer Gesellschaft.
  • Niemanden ausschließen, diskriminieren, ausbeuten wegen seines Andersseins, seiner Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Religion, Bildung, seines materiellen Status. Vielfalt ist Chance, nicht Bedrohung, Vielfalt bedeutet Bewegung, Lebendigkeit, Kreativität, nicht Stillstand, Versteinerung des Lebens.
  • Inklusion: Menschen mit Behinderung nicht abschieben in Sonderbereiche und –einrichtungen. Das ist eine Form von Ghettoisierung. Sie haben ein Recht auf Förderung und Integration in die Gesellschaft.
  • Wirksames Asylrecht: Flüchtlinge aus Kriegsgebieten und von Naturkatastrophen heimgesuchten Ländern haben einen Anspruch auf Asyl, d.i. ein Menschenrecht, keine huldvoll gewährte freiwillige Leistung, die man jederzeit wieder einstellen kann, je nach Kassenlage oder politischer Befindlichkeit.
  • Wir brauchen eine „Kultur der Begegnung“, d.h. auch Dialog mit dem Gegner. Wir sollten Ängste ernstnehmen, den anderen verstehen wollen. Einen Konflikt nicht nur mit eigenen, sondern wenigstens einmal mit den Augen des anderen betrachten, könnte der Beginn gegenseitigen Vertrauens sein. Plötzlich sieht die Sache anders aus. Verschiedene Sichtweisen helfen. Wo Verständnis wächst, wachsen die Chancen auf eine Übereinkunft, auf ein Fundament, auf dem beide stehen können: Ich und der Gegner. Ein gemeinsames Miteinander wird denkbar und möglich.

Im vergangenen Jahr ist Rupert Neudeck verstorben. „Cap Anamur“ und die „Grünhelme“ bleiben mit seinem Namen verbunden. Der Journalist und Theologe hat gezeigt, dass man was tun kann, damit diese Welt nicht verloren geht, dass Versöhnung und Frieden möglich sind. Er hat Menschen zusammengeführt, hat mit ihnen anderen aus unsagbarer Not geholfen, er war in der Lage, verfeindete Menschen miteinander zu versöhnen. Er bewies, dass Menschen durch ge-meinsames Tun regelrecht Frieden erarbeiten können.

Fasten und Gebet. Das Gebet ist vielleicht nicht umstritten unter Christen. Aber Fasten? Fasten kann Körper, Geist und Seele heilsam frei machen, Klarheit und Transparenz schenken, die zu neuen Ideen, zu einem neuen Denken führen können. Wir sollten es mal versuchen.


Joh 4, 1-26: Jesus und die samaritische Frau - Ansehen


1.    Exegetische Hinweise
Unsere Perikopie ist „gattungsgemäß ein Lehrgespräch mit präziser Ortsangabe“ (J. Gnilka), das sich aus Texten unterschiedlicher Herkunft zusammensetzt. Das „Gespräch mit der Frau“ ist im Evangelium das Gegenstück zum „Gespräch mit dem Mann“ in Kapitel 3 (Nikodemus). Im Gesprächsgang geht es zunächst um Wasser, das den Durst löscht, dann aber um die „Quelle …, deren Wasser ins ewige Leben sprudelt“ (4, 14, Übersetzung Rudolf Pesch). Im Zentrum des Gesprächs (4, 16-19) steht ein sehr persönliches Geschehen: Jesus „entlarvt“ die Lebenssituation der Frau am Brunnen, und sie findet ins „Schauen“, sie erkennt: „Ein Prophet bist du!“ (4, 19). Im folgenden Abschnitt geht es um das Verhältnis von Juden und Samaritern, um Ort und Zeit der wahren Anbetung Gottes, schließlich um die Anbetung „in Geist und Wahrheit“ zu einer bestimmten Stunde, „und jetzt ist sie“ (4, 23). Auf die Aussage der Frau: „Ich weiß, dass der Messias kommt, …“ folgt als Sinngipfel Jesu Selbstoffenbarung: „Ich, ich bin´s, der mit dir redet.“

2.    Theologische Impulse
Es handelt sich um eine Epiphanieerzählung, ähnlich wie beim Gespräch mit Nikodemus. Mit der Formel der Namensoffenbarung Jahwehs – „Ich bin der `Ich bin da´“ (Ex 3 14) – offenbart sich Jesus selbst als der Messias, der Christos, als „der Retter der Welt“ (4, 42). Er ist die Quelle, „deren Wasser ins ewige Leben sprudelt“; wer davon trinkt, „wird nicht mehr dürsten in Ewigkeit“ (Joh 4, 14). Seine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der ihn geschickt hat, und sein Werk zu vollenden (4, 24). Der Pharisäer kam zu Jesus bei Nacht, hier begegnet Jesus der Frau mitten am Tag. Nikodemus hatte wohl Furcht vor „den Juden“, Jesus setzt sich souverän über die Konventionen seiner Zeit hinweg: Er ist mit der Frau allein am Brunnen, er wagt sie anzusprechen und mit ihr zu reden. Er wendet sich der Frau zu in gleicher Weise wie einem Mann. Und dabei ist sie auch noch Samariterin: „Juden halten nämlich mit Samaritern keinen Kontakt“ (4, 9). Und Schriftgelehrte - Jesus ist ein Rabbi - diskutieren nicht mit Frauen.

Jesu Sympathie und Solidarität gilt den Schwachen, Verlorenen, Ausgestoßenen, gesellschaftlich Geächteten. Sie ist zweifach verachtet, die Frau am Brunnen, als Frau und Samariterin. Vielleicht sogar dreifach, ihre sechs Männer weisen auf einen Lebenswandel hin, der sie ebenfalls ächtet und aus der Gemeinschaft der Menschen ausschließt. Jesus verachtet sie nicht, er wendet sich ihr unbefangen und vorbehaltlos zu. Und gibt ihr allein dadurch schon Würde. Gotthard Fuchs schreibt: „Ernsthaft begrüßt werden ist in der Tat etwas höchst Erstaunliches. Ich werde wahrgenommen und nicht übersehen, ich werde angesprochen und nicht übergangen. … warum bin ich peinlich berührt oder gar verletzt, wenn jemand grußlos durch mich hindurchschaut oder mich übersieht?“

Jesu Zuwendung, sein Anschauen der Frau heißt: Schön, dass es Dich gibt, ich sehe dich, ich nehme dich wahr - als Mensch, als Person, als von Gott geschaffenes und geliebtes Wesen. Für die Frau bedeutet das: Ich erhalte Ansehen, Anerkennung, Wertschätzung, Achtung und – Würde. Ja, ich werde Mensch durch das Angesehenwerden, durch die Zuwendung des anderen: Ich bin (vgl. Ex 3, 14) durch den Blick des Anderen, durch das Anschauen Jesu, das Wahr- und Angenommensein Gottes!

Jesus sieht in der Frau am Brunnen einen großen Lebensdurst. In ihren fünf bzw. sechs Männern erkennt er einen ungestillten, vielleicht auch unstillbaren Durst nach Liebe. Zur Prostituierten, die ihm die Füße mit ihren Tränen wusch und sie mit Salböl salbte, sagte er: Nachgelassen sind „ihre Sünden, die vielen, weil sie viel geliebt hat.“ (Lk 7, 27). Diesen Frauen eröffnet er den Zugang zur Quelle, deren Wasser für immer den Durst stillt. Und sie werden zu – den ersten! - Verkünderinnen der Frohen Botschaft. Die Frau am Brunnen verkündet ihre Erfahrung mit Jesus sofort in ihrem Dorf. Sie gehört in die Reihe der Frauen, an deren Spitze Maria Magdalena, die „Apostelin der Apostel“ (Augustinus), steht. Frau, Samariterin, Prostituierte … Gott sucht und findet sein Personal dort, wo wir es nicht für möglich halten.


3.    Nachhaltigkeitsaspekte
Es geht immer um Menschwerdung! Zwei Nachhaltigkeitsaspekte drängen sich mir auf: Gerechte Verteilung der Lebensressourcen und Geschlechtergerechtigkeit. Hierzu einige Gedanken und Anregungen:

Hinter dem großen Lebensdurst der Frau am Brunnen, hinter ihrer großen Sehnsucht nach dem erfüllenden Leben sehe ich das Menschenrecht auf Existenz, auf Lebensentfaltung, auf die Güter, die ein Mensch nicht nur zum Überleben, sondern zu einem gelingenden Leben braucht. Eine gerechte Verteilung der Güter dieser Welt tut not. Die Frage einer gerechten Weltwirtschaftsordnung wird zur Überlebensfrage der Menschheit. Papst Franziskus hat die kapitalistische Wirtschaft als „eine Wirtschaft, die tötet“ bezeichnet. Das bis in den Alltag unseres eigenen Handelns durchzubuchstabieren, ist bleibende Aufgabe, nicht nur der Christen. Die Enzyklika „Laudato si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus“ kann hierbei ein Leitfaden sein.

Gerechte Verteilung der Güter ist auch bei uns ein – wachsendes – Problem (Steuerordnung, Rentensystem, eine wachsende Eigentumsverteilung, d.h. Enteignung, von unten nach oben, Kinder- und Altersarmut). Und immer trifft es ungleich mehr die Frauen als die Männer.

Eine gerechte Verteilung der Lebensressourcen kann von nachhaltigen, ökologischen Aspekten nicht absehen. Die gerechte Verteilung von – nachhaltig produzierter? – Energie, von sauberem Wasser, sauberer Umwelt, gesunder Luft und gesunden Nahrungsmitteln sowie die Schaffung und Sicherung menschenwürdiger Lebensbedingungen für alle sind auch Aspekte des Friedens in der Welt. Kriege haben mit ungleicher, ungerechter Verteilung von Rohstoffen etc. zu tun. Hinter den politischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten steht auch der Konflikt um die gerechte Verteilung des Wassers in der Region.

Weltweit werden Frauen unterdrückt, ausgebeutet, sexuell missbraucht, in Afrika von Boko Haram ihrer Freiheit beraubt, versklavt und zwangsverheiratet. Die Beschneidung von Frauen in der islamischen Welt ist immer noch ein großes Problem. Frauen wird systematisch aus religiös-ideologischen Gründen Bildung vorenthalten. Sie leiden unter der Gewalt von – jungen und alten – Männern. Das meiste Unheil in der Welt ist von Männern verursacht. Wenn wir über Frauen reden, müssen wir über Männer reden. Und über das Unrecht der Männer an Frauen. Eine Machtfrage. Auch 2017 geht es immer noch um die Herrschaft des einen Geschlechts über das andere.

Auch bei uns sind Frauen in vielen Bereichen noch nicht den Männern gleichgestellt: In der Gesellschaft, in der Wirtschaft (20% weniger Lohn und Gehalt), in Führungspositionen von Universitäten, Unternehmen, Politik und Kirche. Das Thema Frauen ist in der katholischen Kirche ein grundsätzliches Problem: Alle frauenfreundlichen Äußerungen von Päpsten und Bischöfen täuschen nicht darüber hinweg, dass man Frauen in der Führung der Kirche nicht will. Päpste und Bischöfe sind nicht ansatzweise bereit, ihre Vollmachten mit Laien geschweige denn Frauen zu teilen. Die Argumente wirken vorgeschoben (Schrift und Tradition), dabei geben Vertreter des Lehramts durchaus zu, dass theologisch nichts gegen das Priestertum der Frau vorzubringen ist. Die derzeitige Situation bedeutet aber eine Verdunkelung des zentralen Geheimnisses des christlichen Glaubens: Wir glauben doch nicht, dass Gott Mann, sondern, dass er Mensch geworden ist, und wir lesen auf der erste Seite der Heiligen Schrift: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ (Gen 1, 27). Abbild Gottes ist der Mensch in Frau und Mann!

Die Diskriminierung von Menschen nach Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Ausbildung und Religion ist auch in unserer bunten „MultiKulti“-Gesellschaft nicht überwunden, ja sie scheint sogar zu wachsen (Stichwort: Pegida, AfD). Mittlerweile kann man auch in Kleinstädten Burkas sehen. Das Thema Flüchtlinge, Willkommenskultur, Akzeptanz von menschlicher und kultureller Vielfalt, von Integration bleibt eine Herausforderung für eine humane, befriedete Gesellschaftsordnung.

Ein Thema von Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist die Überwindung der Herrschaft des Männlichen über das Weibliche in der Sprache. Die „Bibel in gerechter Sprache“ ist ein Meilenstein auf diesem Weg, den die evangelische Kirche hervorgebracht hat, anregend und motivierend auch für katholische Christen.

Thomas Bettinger, Bistum Speyer

Anmerkungen / Quellen:
1)    Bibel in gerechter Sprache, hrsg. Von Ulrike Bail, Frank Crüsemann u.a., Gütersloh 32007
2)    Josef Scharbert: Exodus, Reihe: Neue Echter Bibel AT, Würzburg 22000
3)    Karl Kertelge: Markusevangelium, Reihe: Neue Echter Bibel NT Bd. 2, Würzburg 22000
4)    Joachim Gnilka: Johannesevangelium, Reihe: Neue Echter Bibel NT Bd. 4, Würzburg 31989
5)    Rudolf Pesch: Römerbrief, Reihe: Neue Echter Bibel NT Bd. 6, Würzburg 52009
6)    Synoptisches Arbeitsbuch zu den Evangelien, bearb. u. konkordant übersetzt von Rudolf Pesch, Zürich / Gütersloh 1981
7)    Gotthard Fuchs: Pass gut auf dich auf, in: Christ in der Gegenwart Nr. 16/2016 (17. April 2016), S. 171
8)    Papst Franziskus: Enzyklika „Laudato si – Über die Sorge für das gemeinsame Haus“, Rom 2015

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