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Sexagesimae / 7. Sonntag im Jahreskreis (19.02.17)

Sexagesimae / 7. Sonntag im Jahreskreis [III/A]

ev. Predigttext kath. 1. Lesung kath. 2. Lesung kath. Evangelium
Mk 4, 26-29 Lev 19, 1-2.17-18 1 Kor 3, 16-23 Mt 6, 24-34

EKD-Reihe III Predigttext - Mk 4,26-29

Auf uns Menschen in komplexen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts wirkt dieses Gleichnis von der wachsenden Saat archaisch oder vielleicht auch romantisch. Der Mensch sät aus, von den vorbereitenden Feldarbeiten wird nichts berichtet, und dann ist die Erde an der Reihe: Sie bringt erst den Halm, dann die Ähre und zum Schluss die reife Frucht das Korn hervor. Erst dann ist der Mensch wieder am Zug und erntet mit der Sichel. Mensch und Erde sind in Kooperation. Jeder trägt sein Teil zum Gelingen bei. Schon im Schöpfungsbericht in Gen 1 wird die Erde aufgefordert, die Pflanzen hervorzubringen. Eine vormoderne Weltsicht zeigt sich hier: die Erde als subjekthafter Akteur.

Im Rahmen der Nachhaltigkeit weist uns diese Sicht an, genauer hinzusehen auf die Erde, den Boden. Die Schöpfung bewahren geschieht auch im sorgsamen Umgang mit dem Boden. Fruchtbarer Boden ist eine begrenzte Ressource, die durch Erosion stark gefährdet wird und nicht einfach vermehrbar ist. Jenseits der Landwirtschaft fehlt uns da der Bezug. Aber jede/r, die/der schon einmal Tomaten erst auf der Fensterbank und dann im Gewächshaus gezogen hat, kann sich der Faszination der wachsenden Pflanzen nicht entziehen. Nachhaltig heißt auch den Kooperationspartner machen lassen, nicht alles allein machen wollen und vor allem nicht alles „fest im Griff“ haben sondern offen bleiben für das Staunen über das, was „von allein“ wächst.


Kath. Lesejahr A
Lev 19,1-2.17-18

Was es heißt ein heiliges Volk zu sein, Gott gemäß in der Gemeinschaft zu leben, zeigt das Gebot der Nächstenliebe in V18 als das Zentrum des gesamten Kapitels. Die Verse davor und danach erläutern dies für konkrete Lebensanlässe. Rücksicht im Sinne der Nachhaltigkeit auf das ökologische und soziale Leben drücken die VV 9f aus: „Wenn du dein Land aberntest, sollst du nicht alles bis an die Ecken deines Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten. Auch sollst du in deinem Weinberg nicht Nachlese halten noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen; ich bin der HERR, euer Gott.“ Alte und Flüchtlinge kommen in den VV32ff  besonders in den Blick: „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren und sollst dich fürchten vor deinem Gott; ich bin der HERR. Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der HERR, euer Gott.“

In den VV 23fff wird ein sehr schonender Umgang mit neu zu pflanzenden Bäumen angemahnt. So ist das ganze Kapitel von einem verantwortungsvollen Umgang mit den Generationen, den Fremden und der Natur geprägt, auch wenn einige der Regelungen sehr zeitgebunden sind wie in V27 das Verbot Haar und Bart zu stutzen.


1. Kor 3, 16-23
„Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott.“  Im Rahmen der Nachhaltigkeit könnte die Weisheit der Welt in einem zu starken Machbarkeitsdenken gesehen werden. Gerade, wenn versucht wird, einen Missstand durch einen technischen  Eingriff zu reparieren, ist größte Skepsis angezeigt wie z.B. beim sog. „Geoengineering“. Dagegen sollten wir das Vorsorgeprinzip setzen, so dass wir uns eher tastend den Lösungen nähern und immer mit unberechenbaren „Nebenwirkungen“ rechnen müssen.


Mt 5, 38-48
Im Anschluss an die Bergpredigt folgen radikalisierende ethische Forderungen, die in unserem Text in der Feindesliebe gipfeln. Wobei festzuhalten ist, dass das „und deinen Feind hassen“ in V 43 nicht im Alten Testament vorkommt. Die Verse wie: „wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ oder „Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei.“ sind zu Sprichworten geworden. Der gesamte Abschnitt zeigt, dass nicht die einfache, direkte, spontane Reaktion angezeigt ist, sondern das wohl überlegte Handeln, das bereits die strukturellen Langzeitfolgen mit in den Blick nimmt und positiv im Sinne eines gottgewollten friedlichen Zusammenlebens formt. Aus der jüngeren Geschichte könnte an Mahatma Gandhi, Dietrich Bonhoeffer oder Martin Luth King erinnert werden.

Beim Versuch, seinen Konsum nachhaltig zu gestalten, muss der spontane oft von der Werbung geprägte Weg der vorschnellen Bedürfnisbefriedigung überwunden werden. Stattdessen ist es recht mühsam, nach den unterschiedlichen Nachhaltigkeitskriterien sich durch Siegel und Angebote durchzurecherchieren bis mensch sich zu einer Kaufentscheidung durchgerungen hat; oder zum Entschluss, lieber gar nicht zu konsumieren.

Jan Christensen, Nordkirche

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