Der Autor nimmt zum "Fest der Hl. Familie" Intergenerationelle Gerechtigkeit in den Blick und stellt ihre Bezüge zu den Bibelstellen des Tages her. Stichworte dazu sind: wechselseitiger Respekt der Generationen / Fürsorge für die Alten, aber auch für die Nachkommenden / den Blick öffnen für mehr nur als zwei oder drei Generationen / die Generationen mit der Gestaltungsmacht haben auch die Gestaltungsverantwortung
Intergenerationelle Gerechtigkeit als zentrales Element nachhaltiger Entwicklung

Die biblischen Texte und ihr Bezug zum Nachhaltigkeitsthema

Sir 3,2-6.12-14

Das Lehrgedicht aus dem Buch Jesus Sirach handelt vom Verhältnis der Generationen zueinander. Es geht hier allerdings nicht nur - wie es häufig verkürzend heißt - darum, dass Kinder in der Pflicht stehen, ihren Eltern Achtung entgegenzubringen, bzw. dass Vater und Mutter ihrerseits ein Recht auf den Respekt ihres Nachwuchses haben. Wie schon die entsprechende Weisung des Dekalogs, die hier eine frühe Auslegung erfährt, wendet sich auch die vorliegende Perikope nicht an Kinder oder Jugendliche, sondern an Erwachsene, deren Eltern noch leben, die aber selbst schon Kinder haben. Darauf deutet Vers 5 hin, wo es heißt, dass ein ehrender Umgang mit den Vorfahren (hier: dem Vater) die Freude am eigenen Nachwuchs mit sich bringe.

Selbst wenn der im Text immer wieder verheißene (und in der Bibel häufig hervorgehobene) Zusammenhang von Tun und Ergehen vermutlich eine starke Motivation war, die Rechte der Eltern zu achten und den Solidaritätspflichten ihnen gegenüber nachzukommen - eine Garantie dafür, dass es einem selbst mit dem eigenen Nachwuchs ähnlich ergeht, dass Glückswürdigkeit und Glückseligkeit schon im irdischen Dasein zur Deckung kommen, gibt es leider nicht.

Allerdings kann das Handeln der mittleren in Bezug auf die vorausgehende Generation durchaus ein "Lernen am Modell" ermöglichen, an einem Modell, das die Nachrückenden im Idealfall, als bewährte Praxis, nachahmen werden, vor allem dann, wenn sie erkennen, dass der wechselseitige Respekt der Generationen tatsächlich ein glücklicheres Leben für alle ermöglicht.

Bemerkenswert ist, dass die der Mutter entgegengebrachte Ehrung zugleich als Ehrung Gottes angesehen wird. Damit wird nicht nur die enge Verzahnung von Nächsten- und Gottesliebe unterstrichen, sondern auch die weibliche Seite der Gottheit betont, die Frau und Mann als deren Bilder oder besser (Götter-) Statuen repräsentieren (vgl. Gen 1,27) und in denen Gott empfindet, was Menschen getan oder verweigert wird.

Der Text verdeutlicht: Wo die Würde der anderen (Generation) und ihre Rechte geachtet werden, da herrschen Recht und (intergenerationelle) Gerechtigkeit: beides zentrale Elemente prophetischer Rede, zentrale Elemente aber auch der Nachhaltigkeit. Schon 1716 - aus diesem Jahr stammt der älteste Beleg für die Verwendung des modernen Begriffs, als Hannß Carl von Carlowitz sein bahnbrechendes forstwirtschaftliches Lehrbuch "Sylvicultura oeconomica" vorlegte - begründete der gläubige Lutheraner die Pflicht zu nachhaltigem Wirtschaften mit den zu achtenden Rechten "der lieben Posterität".

Gen 15,1-6; 21,1-3
Auch die Verse aus dem Buch Genesis nehmen die Generationenfolge in den Blick. Sie erzählen von der Verheißung an Abram und Sara und der Erfüllung durch die Geburt Isaaks. Ungewollte Kinderlosigkeit wird als Übel, Fruchtbarkeit hingegen als Segen Gottes interpretiert, denn Kinder bedeuten Zukunft über die eigene Lebensspanne hinaus. Es ist offensichtlich, dass auch hier nicht nur zwei Generationen und deren Verhältnis betrachtet werden. Vielmehr wird die Perspektive weit in die Zukunft hinein ausgedehnt. Denn eine Nachkommenschaft "zahlreich wie die Sterne" kann sich nur über viele Generationen entwickeln.

Von der Bibel zu lernen, heißt darum, in langfristigen Zeiträumen zu denken. Diese zeitliche Weitung könnte helfen, unsere (Welt-) Gesellschaft, vor allem Politik und Wirtschaft aus der notorischen Kurzfristperspektive mit ihrer Orientierung an Legislaturperioden und Quartalszahlen zu befreien und die Sicht auf die zukünftigen Interessen und Bedürfnisse der nachrückenden Generationen freizugeben.

Kol 3,12-21
Passend dazu führt der Kolosserbrief die Liebe als das Band vor Augen, dass alles, also auch die Generationen zusammenhält. Dazu braucht es - und zwar wechselseitig - Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Geduld. Einmal abgesehen von der zeitgebunden-patriarchalen und in ihrer Wirkungsgeschichte fatalen Forderung an die Frauen, sich ihren Männern unterzuordnen, so werden diese doch auch zur Liebe gegenüber ihren Frauen aufgefordert. Und so problematisch darüber hinaus die Verpflichtung der Kinder zu einem ausnahmslosen Gehorsam gegenüber den Vätern aus heutiger Sicht erscheint (die Mütter werden hier übrigens nicht genannt), so wird im Text doch das Verhältnis der Generationen als eine Beziehung wechselseitiger Verpflichtungen angesehen.

Hebr 11,8.11-12.17-19
Aus dem Hebräerbrief ist für unser Thema vor allem eine nicht zur Lesung bestimmte Passage interessant. So heißt es im ausgelassenen Vers 13, dass die vorausgegangenen Lebensalter allesamt nur "Gäste auf Erden" waren. Ein Gast ist nicht Eigentümer und darf sich auch nicht so benehmen. Ein Gast darf das Anvertraute - die irdische Schöpfung - wohl gebrauchen, nicht aber (wie es vom römischen Recht noch bis heute nachwirkt) verbrauchen oder sogar missbrauchen. Die Erde ist nur eine Leihgabe Gottes, die zumindest in keinem schlechteren Zustand an die Nachfolgenden übergeben werden darf als sie selbst von den Vorausgehenden empfangen wurde. Denn Gott ist der bleibende Eigentümer der Schöpfung, die als "Lebenshaus" für alle Geschöpfe dienen soll, auch für die künftigen.

Ein gravierendes Missverständnis ist noch aufzulösen. Die "Erprobung Abrahams" oder "Bindung Isaaks" ist entgegen der Lesart des Hebräerbriefes kein Tatsachenbericht, sondern eine theologische Aussage darüber, dass die erwachsene und an der Macht befindliche Generation den biblischen Gott völlig missverstanden hätte, würde sie denken, dass er ein Interesse an der Opferung der nachfolgenden Generation hätte, für welche Zwecke auch immer. Gott will vielmehr deren Rettung und Wohlergehen. Er ist nicht nur der Gott Abrahams, sondern auch der Gott Isaaks und Jakobs, nicht nur der Gott Saras, sondern auch der Gott Rebekkas und Rahels, ein Gott aller Lebenden und des Lebens, ein Gott, der das Leben will, das Leben der Menschen, der alten, der jungen und der künftigen, aber auch - wie es besonders eindrucksvoll die Verheißung des messianischen Völker- und Schöpfungsfriedens bestätigt - das Leben unserer Mitgeschöpfe.

Wir, die Gegenwärtigen, haben kein Recht, das Leben der unschuldigen Anderen zu nehmen oder zu beeinträchtigen, auch wenn wir Gott zutrauen, dass er die Macht hat, Tote zum Leben zu erwecken und damit unsere Verfehlung aufzuheben. Im Gegenteil beinhaltet dieser Glaube die Verpflichtung, als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Gottes vom Tod Bedrohte zu retten und künftiges Leben zu ermöglichen.

Lk 2,22-40
Auch im Lukasevangelium werden uns mehrere Generationen präsentiert: Simeon, ein offenbar alter, gerechter und frommer Mann, und Hanna, eine hochbetagte Prophetin, die beide mit sicherem Gespür Zeugnis für die Messianität Jesu ablegen und damit die mittlere Generation in Staunen versetzen. Diese wird vertreten durch die frischgebackenen Eltern Maria und Josef. Komplettiert wird die Mehrgenerationenszene durch deren neugeborenen Sohn Jesus als Repräsentanten der nachrückenden Generation. Mit dessen Geburt, mit der Menschwerdung, stellt Gott selbst sich in die menschliche Generationenfolge. Auch wenn Jesus kinderlos bleibt, so wird doch ausdrücklich von seiner Achtung vor den Kindern erzählt, gegenüber denen es nach seiner Auffassung klare Solidaritätspflichten gibt (vgl. Mk 9,37) und die in einer besonderen Nähe zu Gott und seinem Reich stehen (vgl. Mt 18,3f). Auf einem Kind, dies machen die beiden weisen Alten deutlich, ruht die messianische Hoffnung auf die Erlösung und Befreiung Israels, der Völker und der Schöpfung als Ganzer.

Fazit

Auch wenn die vorgestellten Texte zum "Fest der Heiligen Familie" - 1893 in Deutschland, 1920 für die ganze lateinische Kirche eingeführt - ausgewählt wurden, geht es, wie gezeigt, doch um weit mehr als um die heile Dreisamkeit einer bürgerlichen Kleinfamilie, die damals, in Zeiten der Krise, als Vorbild beschworen wurde; um deutlich mehr auch als um die gleichzeitig (zusammen) lebenden nahen Verwandten zweier oder allenfalls dreier Generationen und deren Beziehung zueinander. Es geht hier wie auch sonst in der Bibel vielmehr um Geschlechterfolgen und damit um die Zeitdimension unserer Verantwortung als retro- und prospektiver Sorge, als Rück- und Vorsicht in der Abfolge der Lebensalter.

Heute stehen wir vor quantitativ und qualitativ anderen Problemen als die biblischen Menschen. Die zeitliche (und räumliche) Reichweite der gegenwärtigen Menschheitsherausforderungen ist erheblich größer als damals.

Angesichts des globalen Klimawandels und der ebenfalls menschengemachten massiven Umweltzerstörung, angesichts der gewaltigen Schulden und nuklearen Risiken, die den nachrückenden Generationen aufgebürdet werden und die deren Entfaltungs-, ja Lebensmöglichkeiten massiv beeinträchtigen (werden), sind die biblischen Forderungen nach Achtung vor dem Leben, nach Respekt vor den anderen Generationen, nach Wahrung ihrer (Menschen-) Rechte, nach intergenerationeller Solidarität und einem langfristig orientierten Denken und Handeln aktueller denn je.
Prof. Dr. Andreas Lienkamp
Gerechtigkeit kann glücklich machen …

(© Brot für die Welt)
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Predigtanregungen – Reihe IV / Lesejahr B                 Fest der Hl. Familie | 30.12.11

kath. 1. Lesung:
Sir 3, 2-6.12-14 (3-7.14-17a)
oder Gen 15, 1-6; 21, 1-3
kath. 2. Lesung:
Kol 3, 12-21 oder
Hebr 11, 8.11-12.17-19
kath. Evangelium:
Lk 2, 22-40